Die vorausgehenden Ausgaben des Stuttgarter Saxophonfestivals fanden in den Jahren 2001, 2003 und 2005 statt. Der Ort des zweitägigen Festivals war, wie üblich, das Merlin, das in angenehmer und übersichtlicher Atmosphäre Platz für gut 100 Personen bietet. Stilistisch läßt sich das Saxophonfestival am ehesten in den Bereich der neuen Musik einordnen.
Dass neue Musik alles andere als elitär und langweilig sein kann, konnte man bereits bei der letzten Ausgabe des Jahres 2005 feststellen. Auch wenn ich mich nicht mehr an alle Einzelheiten erinnere, so ist mir doch lebhaft in der Erinnerung geblieben, dass alle Konzerte des zweiten Abend vom Publikum so enthusiastisch aufgenommen wurden, dass Schlotte/Marwedel/Kohlhepp/Krennerich, Terminal F – Strom unplugged sowie Dähn/Kniel/Rössle Zugaben geben mussten, um überhaupt von der Bühne gelassen zu werden. Beeindruckend.
Für die diesjährige Ausgabe des Saxophonfestivals war meine aus der Erinnerung sich nährende Erwartung hoch; ein Enttäuschung wäre in diesem Sinne nur normal gewesen. Das Verhältnis von Traum (hier: Erinnerung) und Wirklichkeit war schon immer etwas heikel, würde die Wirklichkeit sagen.
Was die beiden Musiker des Hörlabors, Nikola Lutz (Saxophone) und Armin Sommer (Percussion), zu ihrer Darbietung zu sagen hätten, weiß ich nicht. Ich weiß aber, dass mir das von beiden Gezeigte viel zu “päpstlich” daher kam und sich vor allem durch die Abwesenheit von Leidenschaft charakterisieren läßt (MP3-File). Nikola Lutz, neben Andreas Krennerich für die Organisation des Festivals verantwortlich, ist eine brilliante Instrumentalistin, zur brillianten Musikerin fehlte ihr zumindest am Freitagabend vieles. Schon die quadratmetergroßen Partituren, hinter denen man die Saxophonistin nur mit großer Mühe sehen konnte, zeigten etwas von dem fehlenden Interesse, das Nikola Lutz für ihr Publikum zu empfinden scheint.

Hörlabor
Das erste Stück, “for the eternal dawn”, von Makiko Niskikaze, vereinnahmte mindestens vier neben einander stehende Notenständer. Von den hier ausgebreiteten Noten löste sich der Blick von Nikola Lutz zu keinem Zeitpunkt, auch wenn niemand im Publikum das “falsche” Spiel hätte identifizieren können. Auch das zweite Stück, Kaukaa hymyilee meri (The Sea Smiles from Distance), zu dessen Uraufführung der Komponist Markku Nikula extra aus Finnland angereist war, blieb fad, obwohl es beiden Musikern technisch sicherlich vieles abverlangte.
Mich persönlich sprachen Armin Sommer und Nikola Lutz alleine mit “Sequenza VIIb” von Luciano Berio. und Viscera von Eric Schwartz an, obwohl letzteres am Ende des etwa 60-minüten Vortrags mit stark repetitiven Elemente fast schon zu eingängig war und damit sogar etwas anbiedernd wirkte.
Nach einer kleinen Umbaupause kam anschließend das Basler New Art Saxophone Quartett ganz und gar unpäpstlich daher. Klaus Pfister (Kompositionen, Sopransaxophon), René Straub (Altsaxophon), Daniel Chmelik (Tenorsaxophon) und Eric Strehler (Baritonsaxophon), die sich bezüglich Garderobe etwas mehr vom Ratschlag ihrer Mütter befreien sollten, gaben Stücke zum besten, die im Sinne programmatischer Musik alle ihren Ausgangspunkt an dem schweizer Ort Guarda hatten.

New Art Saxophone Quartet
Hier hatte sich Klaus Pfister, der Komponist aller 14 Hörstücke, einige Wochen aufgehalten und sich inspirieren lassen. Entsprechend dem im schweizer Kanton Graubünden gesprochenen Räteromanischen hatten schon die Titel einen besonderen Klang: L’aual da Tuoi, L’istoriga dals nonins, Utschels, Il chant dals craps, In baselgia, Macun, Il peschin, Il chant dal vent, Uorsin, Urezzas illa naiv, Flurina, A mezzanot und Lai blau.
Die Musik des New Art Saxophone Quartett groovte, pulsierte und sprühte über vor Leidenschaft.
Für die beiden Organisatoren des vierten Stuttgarter Saxophonfestivals, Nikola Lutz und Andreas Krennerich, sollte das Festival ganz im Zeichen der Begegnung des Saxophons mit Percussionsinstrumenten aller Art stehen. Das dabei das Saxophon selbst auch Percussionsinstrument sein kann, haben Klaus Pfister, René Straub, Daniel Chmelik und Erich Strehler überzeugend zeigen können.
Der erste Festivalabend war gerettet und machte sogar neugierig auf den zweiten Festivalabend, der zwar ähnlich päpstlich begann, dann aber so ausuferte, dass es mir leicht viel, alle Erinnerung an frühere Festivals zu vergessen und mich einer Musik hinzugeben, von der ich mir fast vergessen hatte, dass es sie noch gibt.

Gerd Vierkötter
Das 4. Stuttgarter Saxophonfestival begann mit dem Duo Andreas Krennerich (Saxophone) und Gerd Vierkötter (Drumset), die beide zweifelsohne gute Musiker sind, denen es bei Ihren Stücken zu Gedichten des spanischen Dichters José Oliver ein wenig an “Zusammenspiel” fehlte. Ich hatte das Gefühl, dass die Stücke immer dann schon zu Ende waren, wenn sich grade so etwas wie Zusammenspiel einstellen wollte. Schade.

Alex Kittel
Ganz anders ging es danach weiter. Die beiden aus Frankreich stammenden Musiker Bertrand Gauguet (Altsaxophon) und Alex Kittel (Percussion) zeigten, dass anspruchsvolle, avangardistische Musik ein bestimmtes Niveau erst erreicht, wenn Können, Musikalität, Leidenschaft und Zusammenspiel funktionieren. Über das etwas 50 Minuten dauernde Stück, das beide erst am Vorabend eingeübt hatten – so jedenfalls Alex Kittel in einem persönlichen Gespräch – könnte man sicherlich Seiten, wenn nicht Bücher schreiben. An dieser Stelle sei lediglich erwähnt, dass Bertrand Gauguet am Altsaxophon keinen einzigen “normalen” Ton und Alex Kittel am Schlagzeug keinen einzigen “normalen” Rhythmus spielte und beide Im Zusammenspiel eine solche Virtuosität zeigten, wie ich sie bisher nur sehr selten erlebt habe. Beide für sich genommen tief beeindruckende Spielweisen existierten zu keinem Zeitpunkt unzusammenhängend nebeneinander, sondern standen in einer ständigen gegenseitigen, meisterhaften Durchwirkung. Auf diese Weise ließen Gauguet und Kittel alles, was das Festival bis zu diesem Zeitpunkt zu bieten hatte, meilenweit hinter sich.
Wenn kleine, anspruchsvolle Musikfestivals – wie das Stuttgarter Saxophonfestival – überhaupt Sinn machen, dann nur mit Musikern wie Bertrand Gauguet und Alex Kittel. In diesem Zusammenhang muss ein ganz großes Lob an die beiden Organsatoren Nikola Lutz und Andreas Krennerich gehen, die trotz ihrer eigenen eher schwächeren Darbietungen sich nicht gescheut haben, Musiker einzuladen, von den sie selbst in den Schatten gestellt wurden.
Hut ab!
Und mit Gauguet und Kittel war der Höhepunkt des 4. Stuttgarter Saxopohnfestival noch nicht einmal erreicht. Denn nach den beiden Franzosen ging es mit Bernd (Lömsch) Lehmann und Erwin Ditzner erst richtig rund. Schon für den Haarschnitt hätte Lömsch Lehmann vollkommen zu Recht Eintritt verlangen können; Erwin Ditzner wirkte mit Vollbart und Kompottkappe muezinhaft schräg, und cool (Fotostrecke). Und als dann die ersten Töne erklangen, da wußte ich, was wirkliche Musik sein kann. (Der Ehrlichkeit halber muss ich jetzt gestehen, dass mir besonders im Fall von Lehmann und Ditzner die Worte fehlen, um das zu beschreiben, was ich gehört und gesehen habe. Das war Musik, die dem Oberbegriff “Freejazz” eine neue Bedeutung gibt. Es war beeindruckend, mitreißend, orgiastisch, extatisch, ausufernd wahnsinnig. Ich bin ehrlich dankbar, dass ich so etwas erleben durfte. Einfach große Klasse! Super!!!!)
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