Bualem Sansal: Algerier zwischen Deutschen

2012

Der algerische Schriftsteller Bualem Sansal war am letzten Donnerstag (19.01.2012) auf Einladung des “Instut Français” in der neuen Stadtbibliothek am Mailänderplatz in Stuttgart. Sansal, Jahrgang 1949, ist ein kleiner Mann, mit langen grauen, zu einem Pferdeschwanz zusammengebundenen, gepflegten Haaren. “Informell elegant” trägt er dunkle Jeans, ein dunkles Hemd mit einer farbigen Kravatte, die dezent das Bordeauxrot seines bequem geschnittenen Blazers aufnimmt. Sansal blickt neugierig umher und sucht den Augenkontakt zumindest zu den Personen, die in den vorderen Reihen dieses mittelgroßen Saals im Untergeschoss der Stuttgarter Bibliothek sitzen; er lächelt freundlich dabei.

Begleitet wird der Algerier von der Dolmetscherin Isabel Lienenkämper – die eine beeindruckende Arbeit leistet – und der ehemaligen ARD-Korrespondentin für Nordafrika, Susanne Sterzenbach, die den Abend moderiert.

Die Veranstaltung ist ausverkauft. ‘Dass doch so viele Menschen kommen um einen algerischen Schriftsteller zu sehen, hätte ich nicht gedacht’, sagt eine ältere Dame draußen im Foyer. Hier, vor dem Eingang zum Max-Bense-Forum der Stadtbibliothek, steht ein Tisch mit einer ganzen Reihe von Büchern des auf französisch publizierenden Schriftstellers, dessen erstes literarisches Werk er schreibt als er bereits 50 ist.
‘Wo denn die ganzen Geschichten vorher waren und was er mit seiner Wortgewandtheit bis dahin gemacht hat’, lautet dann auch die erste Frage der Moderatorin. Sansal schmunzelt und antwortet fast etwas schüchtern, dass ‘er schon eine Art Vulkan sei, der eben etwas Zeit benötigte, um auszubrechen’. Ansehen tut man dem trotz seines Alters noch irgendwie jugendlich wirkenden Bualem Sansal das Vulkanische ganz und gar nicht. Dazu muss man wohl seine Werke lesen. Zu ihnen gehört auch das Buch, das im Zentrum des heutigen Abends steht: “Das Dorf des Deutschen”, erschienen 2009 im norddeutschen Merlin-Verlag.

“Das Dorf des Deutschen” erzählt in Form von fiktiven Tagebucheintragungen der in Frankreich aufwachsenden Brüder Rachel und Malrich Schiller die Geschichte ihres Vaters, einem zum Islam konvertierten deutschen Nazi, der in einem kleinen Dorf in Algerien mit einer Einheimischen verheiratet ist. Die Eltern fallen einem islamistischen Attentat zum Opfer. Als Rachel den Nachlass seines Vaters durchsieht, wird er brutal mit dessen Nazi-Vergangenheit konfrontiert.

Neben der sprachlichen Stärke ist es vor allem die geschilderte Analogie von Nazismus und Islamismus, durch die das Buch in Frankreich und Deutschland Aufsehen erregt; in Algerien war es von Anfang an verboten.

Bualem Sansal erzählt, dass es 3 Jahre gedauert habe, bis er das Buch fertig hatte. Dieser im eigentlichen Sinn schriftstellerischen Arbeit, so Sansal, ging aber eine 30 Jahre dauernde Phase voraus, die er als “Lektüre” beschreibt und während der er sich intensiv mit dem Zweiten Weltkrieg und der Shoa auseinandergesetzt habe. Er sei zu einem Spezialisten auf diesem Gebiet geworden weil er nicht verstanden habe, warum die Deutschen die europäischen Juden so behandelten. Häufig habe er sich bei der Beschäftigung mit diesem Thema sehr alleine gefühlt, weil der durch Deutsche organisierte Massenmord an den europäischen Juden in der arabischen Welt überhaupt kein Thema sei oder sogar als Erfindung der Juden betrachtet werde.
Der umittelbare Anlass für das Buch ergab sich dann fast zufällig, als Bualem Sansal während einer beruflich motivierten Reise in einem kleinen Dorf in der algerischen Wüste – Sansal war vor seiner schriftstellerischen Tätigkeit ein hoher algerischer Beamter – Bekanntschaft mit einem Deutschen machte, der ‘zum Islam konvertiert und mit einer Algerierin verheiratet war’.

Direkte autobiographische Bezüge spielen in “Das Dorf des Deutschen” eine vernachlässigungswerte Rolle; indirekt gibt es aber drei “Phänomene”, denen der Autor mit seinem Buch eine Form geben wollte: zum einen die Judenvernichtung und der Nazismus, dann der Islamismus und dessen faschistisches Potenzial und schließlich die diesen beiden “Phänomenen” dienende Unwissenheit.

Es ist Malrich, der kleine Bruder, der in seinem Tagebuch wohl auch deshalb den von Islamisten sozial, kulturell und politisch dominierten Pariser Vorort, in dem er und seine Freunde leben, mit einem Konzentrationslager der Nazis gleichsetzt: Die Lage in den letzten Monaten hat sich “fürchterlich verschlechtert. …(Die Cité) ist bereits ein Konzentrationslager, das ist auf bestem Weg, man stirbt auf kleiner Flamme, man verbarrikadiert sich, man ist erfasst, überwacht, stets und ständig an die Lagerordnung gemahnt, der Anzug, die Länge der Barthaare, die erlaubten Gesten, die Sachen, die man nicht tun soll, die täglichen Versammlungen, die freitägliche Generalmobilisierung, das Faustrecht der Predigt, die Prozesse und die öffentlichen Bußen, und um zum Ende zu kommen, ist man für die Todeskommandos zur Abfahrt in die afghanischen Lager gemustert. Es fehlen nur die Gaskammern und die Öfen, um zur Massenvernichtung überzugehen. …”

Als das Mitte der 2000er-Jahre geschriebene Buch 2008 in Frankreich erscheint, waren die Ende 2010/Anfang 2011 in Tunesien beginnenden Unruhen in der arabischen Welt nicht einmal zu erahnen. Sansal, der im vergangenen Jahr den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt, ist ein kritischer Beobachter der Ereignisse in Nordafrika. Seine Zuversicht angesichts des Mutes, der Kraft und der Heiterkeit der rebellierenden Menschen sei heute, vor allem wegen der Zunahme des Einflusses der Islamisten, einer pessimistischeren Einschätzung gewichen.

Angesprochen auf seine islamistenkritische Haltung und deren daraus sich ergebende persönliche Konsequenzen, wehrt Bualem Sansal beinahe ab. Die Frage ist ihm nicht willkommen. Er lebe weiterhin in Algerien, so sagt er. Das sei zwar nicht ungefährlich, aber zustoßen könnte ihm überall etwas. Er versuche sich der Angst nicht zu sehr auszusetzen, denn wenn sie sich in seinem Kopf festsetzt, behindere ihn das sehr. Er wolle sich der seit Jahrzehnten stattfindenden Auswanderung algerischer Intelektueller nicht anschließen, denn man dürfe das Volk grade jetzt nicht alleine lassen. Wenn das Volk sich entwickeln soll, dann komme es ohne Intellektuelle nicht weiter.

Small World von Bernard Chiche

2011

Simone (Alexandra Maria Lara) ist kaum mit dem Sohn der Familie, Philippe (Yannick Renier) verheiratet, da betrügt dieser sie schon mit einer anderen. Thomas (Niels Arestrup), Vater von Philippe, trinkt regelmäßig zu viel und spielt Golf. Elisabeth (Nathalie Baye), Thomas Ex-Frau und Mutter von Philippe, ist aus Boston angereist, wo ihr eine gut laufende Fabrik für Damen-Unterwäsche gehört – wie mehrmals im Film erwähnt wird. Elvira (Francoise Fabian), verwittwete Stiefmutter von Thomas, die bald 80 wird, ist zuckerkrank und das Oberhaupt der Familie; Scholler (Feodor Atkine) ist ihr Diener. Und schließlich, abgesehen von der Köchin, einer Ärztin, den beiden Pflegerinnen, einer Kassiererin, Philippes Geliebten und einer Gruppe indischer Industrieller: der leicht demenzkranke Konrad, die zentrale Person des Films, gespielt von Gėrard Depardieu.
Zugegebenermaßen sind es nicht viele Personen, die in Small World zu sehen sind. Warum diese aber alle zu sehen sind, ist das große Geheimnis dieses durchschnittlichen Films, in dessen Verlauf man sich irgendwann fragt, wozu das ganze? Am Ende ist es ein Monolog von Elvira, der “alles aufklärt” – ein für einen Film etwas dürftiger Schluss. Das Drehbuch von Small World hat der Regisseur Bernard Chiche zusammen mit dem Autor der Romanvorlage, Martin Suter, geschrieben: Elvira sitzt auf dem Rücksitz ihres von Scholler, ihrem Diener, gesteuerten Wagens und erzählt diesem, dass Thomas und Konrad… aber selbst bei einem durchschnittlichen Film sollte der Kritiker nicht das Ende verraten.
Das Drehbuch ist, wie beschrieben, am Ende also etwas schlicht. Und am Anfang?
Man sieht ein Landhaus. Es ist kalt. Darin ein Mann (Konrad/Gėrard Depardieu). Er will Feuer im Kamin machen. Nachdem er dies mehrmals mit einem Streichholz und den dünneren Zweigen versucht, holt er sich schließlich einen kleinen, roten Kannister Benzin, schüttet den Inhalt über das Holz – kurz meint man der Brandbeschleuniger würde jetzt eine Explosion auslösen – und wirft ein Streichholz hinterher. Das Holz im Kamin, vor dem Wäsche zum Trocknen aufgehängt ist, beginnt lichterloh zu brennen. Konrad/Gėrard Depardieu sagt zu sich, nah es geht doch. Er hat frische Rosen besorgt. Als das Holz im Kamin brennt, geht er nach nebenan, ersetzt ältere Rosen in einer Vase durch die neuen – man hat den Eindruck, dass er dies regelmäßiger für jemanden tut – und setzt sich dann in einen in der Nähe stehenden Sessel. In einer Parallelmontage sieht man nun Konrad in dem Sessel und das langsam um sich greifende Feuer im Zimmer nebenan: erst fängt die vor dem Kamin hängende Wäsche Feuer, dann die Gardinen, die Bücher, der Plattenspieler. Konrad scheint eingenickt zu sein, als er von dem Rauch geweckt wird. Er öffnet die Tür zum Kaminzimmer. Der Eindruck ist eindeutig: hier ist nichts mehr zu machen. Schnitt!
Später wird im Film gesagt, dass Konrad das Haus wie ein Branstifter angezündet habe, denn das Holz im Kamin habe nicht gebrannt. Weitere Bezüge auf den Brand gibt es im ganzen Film nicht. Es handelt sich hier also nicht um eine Schlüsselszene, die man durch die später zu sehenden Vorgänge versteht. Einen umgekehrten Bezug gibt es aber auch nicht: der Brand macht nichts von dem verständlilch, was später geschieht. Außer vielleicht den Umstand, dass Konrad nun wieder im selben Ort wohnt, wie die anderen auch, wenn auch anfangs nicht auf demselben Anwesen.
Die Szene mit dem Brand ist also mindestens überflüssig. Und wenn auch keiner der Darsteller schlecht spielt, so passt das Prädikat des Überflüssigen auch auf einige der Personen, die im Film zu sehen sind. Diese spielen zwar ihre Rollen im Film durchweg vorzüglich, sie erfüllen aber häufig nicht ihre Rolle in der Geschichte.
Simone/Alexandra Maria Lara als die frisch Vermählte und schon wieder Betrogene, die dann auch noch schwanger ist? Die Damenunterwäschefabrikantin aus Boston, Ex-Frau von Thomas, Mutter des betrügenden Ehemanns Philippe und Geliebte von Konrad? Und der seiner Herrin Elvira ergebene Diener Scholler, der am Ende den Monolog von Elvira, der den Film erklärt, anhören muss, während er das Auto fährt, in dem beide sitzen?
Mit etwas mehr Lust an der Sache, einem guten Regisseur, einem etwas besseren Drehbuch und ausgefeilteren Dialogen hätten Gėrard Depardieu (Konrad), Niels Arestrup (Thomas) und Francoise Fabian vollkommen ausgereicht, um die letztlich nicht einmal sehr originalle Geschcihte zu erzählen. Und man hätte deutlich mehr mit nach Hause genommen, als den etwas faden Nachgeschmack eines durchschnittlichen Films.
Vielleicht noch eine etwas neutralere nachbemerkung zum Titel des films: “Small World”, so Wikipedia, bezeichnet eine von Stanley Milgram in den 1960er Jahren aufgestellte Hypothese, nach der jeder Mensch (sozialer Akteur) auf der Welt mit jedem anderen über eine überraschend kurze Kette von Bekanntschaftsbeziehungen verbunden ist.

Oba bleiba von Vaclav Reischl

2011

Der im Verlauf des Jahres 2010 gedrehte Film stellt eine Person in den Mittelpunkt, von der ich in Zusammenhang mit S21 noch nichts gehört hatte: Edzard Reuter. Im Film erhält Hr. Reuter den Untertitel “ehemaliger Vorstandvorsitzender von Daimler-Benz”. Unklar ist, ob diese Titulierung als Ehre oder Warnung zu verstehen ist. Unter Reuter wurde Daimler zu einem der weltgrößten Waffenproduzenten; Daimler-Benz war aber auch Arbeitgeber der letzten drei Vorstandvorsitzenden (Heinz Otto Dürr, Hartmut Mehdorn (DASA), Rüdiger Grube) der Deutschen Bahn. Ist das der Grund?
Die Frage, wenn man denn den Ankündigungen von Regisseur Vaclav Reischl folgen will, stellt sich aber so auch gar nicht. Es seien nämlich nicht die Prominenten, die ihn interessiert haben, sondern die normalen Bürger, von denen im Film aber nur dann etwas zu sehen und zu hören ist, wenn Hannes Rockenbauch, Roland Ostertag, Peter Conradi, Peter Grohmann, Boris Palmer, Brigitte Dahlbender, Walter Sittler, Volker Lösch …und Bürgermeister Wolfgang Schuster mal nicht zu sehen oder zu hören sind. Den einzigen Prominenten, den der Regisseur nicht zu interessierren schien, ist Gangolf Stocker, der Miraculix (http://de.wikipedia.org/wiki/Miraculix#Miraculix) der Bewegung.
Die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit klafft noch weiter in einem anderen Zusammenhang auseinander. In einem Interview für das Freie Radio für Stuttgart spricht Reischl davon, dass er seine Filme ohne zusätzlichen Kommentar versieht, weil er “den Bildern vertraut”. Abgesehen davon, dass in “Oba bleiba” auch ohne Kommentar ständig geredet wird, habe ich selten einen Film gesehen, der so unsensibel mit Bildern umgegangen ist.
Vaclav Reischl hat keine Hemmungen in einer Szene gleichzeitig Bilder aus sieben oder acht verschiedenen Quellen zu zeigen. Da ragt von unten rechts ein Laptop ins Bild. Auf dem Laptop ein Bild des redenden Bürgermeiters Schuster, den Reischl vor eine im Hintergrund ablaufende Demo montiert. Das Hauptbild, in das der Laptop ragt, zeigt wiederum den “umkämpften” Schlosspark, in den ein Bildchen von Walter Sittler montiert ist, der ebenfalls spricht. Darüber noch eine Musik und noch das eine oder andere Demonstrationsgeräusch… – man verzeih mir die fehlerhafte Rekonstruktion der Szene. Erstens gibt es sehr, sehr viele ähnliche während des gesamten Films und zweitens war es schon immer schwieriger Sinnloses als Sinnvolles im Gedächnis zu behalten.
Trotzdem ist der Film nicht nur schlecht. Es gibt Interessantes, Witziges, Berührendes, Schönes ..nah eben all das, was man sonst in einem Spiel- oder Dokumentarfilm zu sehen erhofft.
Eine der ersten Aufnahmen zeigt eine Totale des neuen Schlosses. Von links kommen, in geringerer Entfernung, ein paar Leute ins Bild. Es werden immer mehr. Die falsche Idylle wird zu einer richtigen Demonstration – das ist doch nicht so schwer.
Eine Szene hat eine Montagsdemo zum Inhalt: es regnet, man sieht von oben viele Schirme auf der anderen Straßenseite. Als der Autoverkehr auf der angrenzenden vierspurigen Straßefür einen Moment aufhört, treten die Schirmträger plötzlich massenhaft auf die Straße und ziehen nach rechts an der Kamera vorbei – diese Szene hat Witz, auch wenn ich nicht weiß warum.
Nach der von Polizeigewalt dominierten Demonstration vom 30.09. nimmt Reischl ein junges Mädchen auf, das mit einem Polizisten auf der anderen Seite der Absperrung spricht. “Wenn dort Ihre Tochter gesessen hätte, hätten Sie sie auch geschlagen oder hätten Sie den Dienst quittiert?” – wieder ein ganz einfache und gute Szene.
Zusammengenommen summieren sich aber die sehenswerten Momente im ca. 80 Minuten umfassenden “Oba bleiba” auf weniger als 10 Minuten.
Das Kino ist bei der Premiere am 12.01.2011 ausverkauft. Das Stuttarter Publikum, wie auf einer Montagsdemo, folgt dem Film aufmerksam, geht mit und applaudiert am Ende. Es geht bei einem Film wie “Oba bleiba” eben nicht um Qualität….?

Somewhere von Sofia Coppola

2010

Was haben Sofia Coppola und Quentin Tarantino gemein? Rein menschlich, im Jahr 2003, eine kurze Beziehung, und filmisch: 2010 einen gemeinsamen Auftritt beim Filmfestival in Venedig: Quentin Tarantino als Jurypräsident und sie, Sofia Coppola, als Preisträgerin des goldenen Löwen.
Der 2010 ausgezeichnete Film mit dem Titel “Somewhere” läuft seit einigen Wochen im Atelier am Bollwerk und möchte die Geschichte des Schauspielers Johnny Marco erzählen, dessen Leben von einem schwarzen Ferrari, dem Leben in einem Hotel in Hollywood, mehreren stets teilbekleideten Damen, wieder einem schwarzen Ferrari und noch einer teilbekleideten Dame bestimmt ist.
Dabei plagt nicht nur den Schauspieler eine existentielle Langeweile, sondern auch den hier formulierenden Kritiker und dessen Begleiterin, weshalb es über den Film so gut wie nichts zu berichten gibt. Außer zwei Szenen.
Bei der einen erhält Johnny Marco im Rahmen der Vorbereitungen für einen neuen Film von einer kleinen Gruppe Maskenbildnern einen Ganzkopfgipsabdruck. Als nur noch die Nasenlöcher zu sehen sind, alle anderen den Raum verlassen haben, hört man nur den Atem des Schauspielers, während die Kamera ganz langsam an den zugegipsten Kopf heranfährt. Stephen Dorff, der die Rolle des Jonny Marco spielt und vom Typ her irgendwo zwischen kiefer Sutherland und Robby Williams einzuordnen ist, überzeugt in dieser Szene kurioserweise grade durch seinen Gesichtsausdruck.
Die zweite interessante Szene zeigt eine Situation auf dem Rücksitz eines Taxis. Während die Regissuerin Sofia Coppola sich in den letzten Filmen einen Aufnahmestil angeeignet hat, bei dem es normal ist, dass die Gesichter der Schauspieler häufig am oberen Rand abgeschnitten werden, so dass die Vermutung nicht ganz abwegig ist, dass Projektionsfläche und Filmprojektion nicht zusammenpassen, hat Coppola in der erwähnten Taxiszene keine Hemmungen, am unteren Bildrand das Aufnahmemikrofon zu zeigen.
In der Ankündigung des Films liest man, dass es die Tochter ist, die den berühmten Schauspieler wieder mit der “wirklichen Wirklichkeit” verbindet. Das heißt, dass der berühmte Johnny Marco sich endlich einmal dazu durchringt, eine jener “Damen” des Bettes zu verweisen, die ihn wieder mal barbusig und breitbeinig erwartet. Damit dies diskret erfolgt und außerhalb der Wahrnehmung seiner Tochter geschieht, sagt er zu ihr, komm, wir gehen einen Burger essen, und beide verlassen die Hotelsuite.
Sofia Coppolas Film ist ähnlich zu bewerten wie ihre Rolle im dritten Teil von Der Pate. Hier erhält sie die Hauptrolle der Tochter des Don Corleone, nachdem Winona Ryder wegen Krankheit verhindert ist. Die Kritiker waren sich in der Geringschätzung der schauspielerischen Qualitäten von Sofia so einig, dass für die Tochter von Francis Ford Coppola die Karriere als Schauspielerin beendet war.
Sofia Coppolas Arbeit als Regiesseurin begann 1999 sehr vielversprechend mit “Virgin Suicides” und erreicht jetzt mit “Somewhere” einen Tiefpunkt besorgniserregender Belanglosigkeit. Der Kritiker vom Dienst der Stuttgarter Nachrichten verwendet Mitte November in seiner Kritik gerührt den Begriff der “scheinbaren Ereignislosigkeit”, der tatsächlich nichts anderes als ereignislose Scheinbarkeit bedeutet. Dass “Somewhere” in Venedig also einen goldenen Löwen erhalten hat, ist (siehe oben) menschlich, aber ungerecht.

Kaffeemädchen und Brokkoli

2010

George Herbert Walker Bush, Vater des immernoch nicht angeklagten Kriegsverbrechers George Walter Bush, soll von Klein auf ein eher feindliches Verhältnis zu seiner Umwelt gehabt haben, vor allem wenn er es mit einem dem Blumenkohl verwandten Gemüse zu tun hatte. George Bush, als er in den Jahren 1989-1993 der 41. Präsident der USA war, soll irgendwann wieder vor einem Teller mit Brokkoli gesessen haben, worauf er in seiner charmant amerikanischen Art gesagt haben soll: verdammt noch mal, wozu bin ich Präsident der Vereinigten Staaten, wenn ich dieses Zeug immer noch essen soll. Seine Beziehung zu dem besagten Kreuzblütengewächs, machte Vater Bush auch noch einmal auf einer Pressekonferenz am 22.März 1990 deutlich, als er sagte: “I do not like broccoli. And I haven’t liked it since I was a little kid and my mother made me eat it. And I’m President of the United States and I’m not going to eat any more broccoli” (zitiert nach Wikipedia). Aus dem schwedischen Königshaus dringt nun ein Duft in die Welt, der dem nach gegartem Kreuzblütengewächs ähnelt und das Ergebnis gewisser “Praktiken” von König Carl Gustaf ist, der für die eine oder andere Dame nur das in die Praxis umsetzten wollte, was ganz Schweden ständig forderte: einen Monarchen zum Anfassen. Über das Wohin, Wann, Von Wem und Wie Oft wollte Carl Gustaf in seiner liberalen Art aber selbst entscheiden. Und das nimmt man ihm jetzt krumm. In schwedens Königshaus “menschelt” es zu sehr, wenn man dem “Adelsexperten” Rolf Seelmann-Eggebert glaubt, der der Überzeugung ist, dass die Monarchen erst durch Skandale menschlich werden. In der Menschwerdung geht dem Monarchen, so zumindest eine Folgerung aus der Äußerung von Seelmann-Eggebert, also nicht der Affe, sondern das Schwein voraus. Eine Ansicht, die ich persönlich nicht teile. Ebenso wenig, wie ich den Ärger über Carl Gustav verstehe. Ja, meingott, warum wird denn einer König oder Präsident, wenn er weiterhin Brokkoli essen muss oder sich nicht an “spärlich bekleideten Kaffemädchen zum Dessert” erfreuen darf?
Es ist doch nur verständlich, dass die “meisten” heute weder Präsident, König noch Kanzlerin werden wollen. Und für die “wenigen” empfehle ich, angesichts der Undurchschaubarkeit ihrer Motive, Helmpflicht – allerdings nicht für sie, sondern für uns, die wir sie ertragen werden müssen.

Gauthier Dance: Out of the Box II: “Fischstäbchen”

2010

Es gibt einen Werbespot von, ich glaube Greenpeace, bei dem ein Fischstäbchen gezeigt wird und eine Stimme im Off sagt, wenn das für Sie Fisch ist, dann braucht Sie der Zustand der Meere nicht zu kümmern. So ähnlich verhält es sich mit der neuesten Produktion von Eric Gauthier und seiner Dance Company. Gauthier ist zweifellos ein guter Tänzer, neben Armando Braswell wohl einer der besten, die er bei seinen Abenden einsetzen kann. Dazu ist Gauthier auch noch sehr sympathisch und charmant, was es nicht grade leicht macht, eine etwas eisigere Kritik über sein Projekt zu schreiben. Aber es gibt ja auch Fischstäbchen, deren Panade ganz lecker ist. Aber so wie das eine kein richtiger Fisch ist, ist das anderee kein richtiger Modern Dance. Der Kanadier hat, jedes Risiko meidend, heute Abend lieber Geschichtchen erzählt und Witzchen gemacht, statt sich um Ausdruck, Poesie und Zauber zu bemühen. Außerdem war das technische Niveau der acht gezeigten Choreographien eher dürftig. So hatten z.B. die Paare durchgehend sehr große Schwierigkeiten sich exakt zu greifen. Nichts kommt richtig in den Fluss. In vielerlei Hinsicht fehlt vielem die Spannung. Die kleinen Pausen nach jedem Stück geben dem Abend den Rest. Man fragt sich, warum 8 Choreographien, wenn es auch zwei getan hätten? Und was soll mittendrin dieser 3-D-Film des für Experimente zuständigen SWR-Filmers vom Tiger-Enten-Club?
Alleine gegen Ende des Abends wird es mit dem Stück “Dear John,” etwas dichter. Zu sehen sind, tanzend, Erik Gauthier und Egon Madsen und, Klavier spielend, Francis Rainey. Die beiden zuletzt genannten kannten den mit diesem Stück geehrten John Cranko persönlich und haben mit ihm zusammengearbeitet; von Francis Rainey, der für “Dear John,” die Musik komponiert hat, weiß ich, dass er darüber hinaus ganz in der Nähe des Stuttgarter Tanzdirektors saß, als dieser 1973 auf einem Flug zwischen den USA und Dublin starb. Aber auch “Dear John,” bleibt im Erzählerischen stecken und entfaltet den in der Musik schlummernden Ausdruck nicht.
Das Publikum reagiert während der Premiere (18.12.2010 im Theaterhaus Stuttgart) von “Out of the Box II” sehr freundlich: es gibt recht viel Applaus und sogar vereinzelte “Bravos”. Außerdem sind alle Vorstellungen bis Ende Januar 2011 schon seit einigen Tagen ausverkauft. Diese Kritik mag also ungehört verhallen!

Viertes Stuttgarter Saxophonfestival

2010

Die vorausgehenden Ausgaben des Stuttgarter Saxophonfestivals fanden in den Jahren 2001, 2003 und 2005 statt. Der Ort des zweitägigen Festivals war, wie üblich, das Merlin, das in angenehmer und übersichtlicher Atmosphäre Platz für gut 100 Personen bietet. Stilistisch läßt sich das Saxophonfestival am ehesten in den Bereich der neuen Musik einordnen.

Dass neue Musik alles andere als elitär und langweilig sein kann, konnte man bereits bei der letzten Ausgabe des Jahres 2005 feststellen. Auch wenn ich mich nicht mehr an alle Einzelheiten erinnere, so ist mir doch lebhaft in der Erinnerung geblieben, dass alle Konzerte des zweiten Abend vom Publikum so enthusiastisch aufgenommen wurden, dass Schlotte/Marwedel/Kohlhepp/Krennerich, Terminal F – Strom unplugged sowie Dähn/Kniel/Rössle Zugaben geben mussten, um überhaupt von der Bühne gelassen zu werden. Beeindruckend.

Für die diesjährige Ausgabe des Saxophonfestivals war meine aus der Erinnerung sich nährende Erwartung hoch; ein Enttäuschung wäre in diesem Sinne nur normal gewesen. Das Verhältnis von Traum (hier: Erinnerung) und Wirklichkeit war schon immer etwas heikel, würde die Wirklichkeit sagen.

Was die beiden Musiker des Hörlabors, Nikola Lutz (Saxophone) und Armin Sommer (Percussion), zu ihrer Darbietung zu sagen hätten, weiß ich nicht. Ich weiß aber, dass mir das von beiden Gezeigte viel zu “päpstlich” daher kam und sich vor allem durch die Abwesenheit von Leidenschaft charakterisieren läßt (MP3-File). Nikola Lutz, neben Andreas Krennerich für die Organisation des Festivals verantwortlich, ist eine brilliante Instrumentalistin, zur brillianten Musikerin fehlte ihr zumindest am Freitagabend vieles. Schon die quadratmetergroßen Partituren, hinter denen man die Saxophonistin nur mit großer Mühe sehen konnte, zeigten etwas von dem fehlenden Interesse, das Nikola Lutz für ihr Publikum zu empfinden scheint.

 Hoerlabor
Hörlabor
Das erste Stück, “for the eternal dawn”, von Makiko Niskikaze, vereinnahmte mindestens vier neben einander stehende Notenständer. Von den hier ausgebreiteten Noten löste sich der Blick von Nikola Lutz zu keinem Zeitpunkt, auch wenn niemand im Publikum das “falsche” Spiel hätte identifizieren können. Auch das zweite Stück, Kaukaa hymyilee meri (The Sea Smiles from Distance), zu dessen Uraufführung der Komponist Markku Nikula extra aus Finnland angereist war, blieb fad, obwohl es beiden Musikern technisch sicherlich vieles abverlangte.

Mich persönlich sprachen Armin Sommer und Nikola Lutz alleine mit “Sequenza VIIb” von Luciano Berio. und Viscera von Eric Schwartz an, obwohl letzteres am Ende des etwa 60-minüten Vortrags mit stark repetitiven Elemente fast schon zu eingängig war und damit sogar etwas anbiedernd wirkte.

Nach einer kleinen Umbaupause kam anschließend das Basler New Art Saxophone Quartett ganz und gar unpäpstlich daher. Klaus Pfister (Kompositionen, Sopransaxophon), René Straub (Altsaxophon), Daniel Chmelik (Tenorsaxophon) und Eric Strehler (Baritonsaxophon), die sich bezüglich Garderobe etwas mehr vom Ratschlag ihrer Mütter befreien sollten, gaben Stücke zum besten, die im Sinne programmatischer Musik alle ihren Ausgangspunkt an dem schweizer Ort Guarda hatten.

 Newart
New Art Saxophone Quartet
Hier hatte sich Klaus Pfister, der Komponist aller 14 Hörstücke, einige Wochen aufgehalten und sich inspirieren lassen. Entsprechend dem im schweizer Kanton Graubünden gesprochenen Räteromanischen hatten schon die Titel einen besonderen Klang: L’aual da Tuoi, L’istoriga dals nonins, Utschels, Il chant dals craps, In baselgia, Macun, Il peschin, Il chant dal vent, Uorsin, Urezzas illa naiv, Flurina, A mezzanot und Lai blau.
Die Musik des New Art Saxophone Quartett groovte, pulsierte und sprühte über vor Leidenschaft.

Für die beiden Organisatoren des vierten Stuttgarter Saxophonfestivals, Nikola Lutz und Andreas Krennerich, sollte das Festival ganz im Zeichen der Begegnung des Saxophons mit Percussionsinstrumenten aller Art stehen. Das dabei das Saxophon selbst auch Percussionsinstrument sein kann, haben Klaus Pfister, René Straub, Daniel Chmelik und Erich Strehler überzeugend zeigen können.

Der erste Festivalabend war gerettet und machte sogar neugierig auf den zweiten Festivalabend, der zwar ähnlich päpstlich begann, dann aber so ausuferte, dass es mir leicht viel, alle Erinnerung an frühere Festivals zu vergessen und mich einer Musik hinzugeben, von der ich mir fast vergessen hatte, dass es sie noch gibt.
 Gerd
Gerd Vierkötter
Das 4. Stuttgarter Saxophonfestival begann mit dem Duo Andreas Krennerich (Saxophone) und Gerd Vierkötter (Drumset), die beide zweifelsohne gute Musiker sind, denen es bei Ihren Stücken zu Gedichten des spanischen Dichters José Oliver ein wenig an “Zusammenspiel” fehlte. Ich hatte das Gefühl, dass die Stücke immer dann schon zu Ende waren, wenn sich grade so etwas wie Zusammenspiel einstellen wollte. Schade.
Kittel Batterie 03-1
Alex Kittel
Ganz anders ging es danach weiter. Die beiden aus Frankreich stammenden Musiker Bertrand Gauguet (Altsaxophon) und Alex Kittel (Percussion) zeigten, dass anspruchsvolle, avangardistische Musik ein bestimmtes Niveau erst erreicht, wenn Können, Musikalität, Leidenschaft und Zusammenspiel funktionieren. Über das etwas 50 Minuten dauernde Stück, das beide erst am Vorabend eingeübt hatten – so jedenfalls Alex Kittel in einem persönlichen Gespräch – könnte man sicherlich Seiten, wenn nicht Bücher schreiben. An dieser Stelle sei lediglich erwähnt, dass Bertrand Gauguet am Altsaxophon keinen einzigen “normalen” Ton und Alex Kittel am Schlagzeug keinen einzigen “normalen” Rhythmus spielte und beide Im Zusammenspiel eine solche Virtuosität zeigten, wie ich sie bisher nur sehr selten erlebt habe. Beide für sich genommen tief beeindruckende Spielweisen existierten zu keinem Zeitpunkt unzusammenhängend nebeneinander, sondern standen in einer ständigen gegenseitigen, meisterhaften Durchwirkung. Auf diese Weise ließen Gauguet und Kittel alles, was das Festival bis zu diesem Zeitpunkt zu bieten hatte, meilenweit hinter sich.

Wenn kleine, anspruchsvolle Musikfestivals – wie das Stuttgarter Saxophonfestival – überhaupt Sinn machen, dann nur mit Musikern wie Bertrand Gauguet und Alex Kittel. In diesem Zusammenhang muss ein ganz großes Lob an die beiden Organsatoren Nikola Lutz und Andreas Krennerich gehen, die trotz ihrer eigenen eher schwächeren Darbietungen sich nicht gescheut haben, Musiker einzuladen, von den sie selbst in den Schatten gestellt wurden.

Hut ab!

Und mit Gauguet und Kittel war der Höhepunkt des 4. Stuttgarter Saxopohnfestival noch nicht einmal erreicht. Denn nach den beiden Franzosen ging es mit Bernd (Lömsch) Lehmann und Erwin Ditzner erst richtig rund. Schon für den Haarschnitt hätte Lömsch Lehmann vollkommen zu Recht Eintritt verlangen können; Erwin Ditzner wirkte mit Vollbart und Kompottkappe muezinhaft schräg, und cool (Fotostrecke). Und als dann die ersten Töne erklangen, da wußte ich, was wirkliche Musik sein kann. (Der Ehrlichkeit halber muss ich jetzt gestehen, dass mir besonders im Fall von Lehmann und Ditzner die Worte fehlen, um das zu beschreiben, was ich gehört und gesehen habe. Das war Musik, die dem Oberbegriff “Freejazz” eine neue Bedeutung gibt. Es war beeindruckend, mitreißend, orgiastisch, extatisch, ausufernd wahnsinnig. Ich bin ehrlich dankbar, dass ich so etwas erleben durfte. Einfach große Klasse! Super!!!!)

Pipo Pollina: Cantadore

2009

Was braucht der Mensch an kalten Winterabenden. Möglichst Naheliegendes, würde ich sagen, und, so sagt es im Konzert Pipo Pollina: Einen Ort, der einen laufen lehrt, also eine Utopie.
Pipo Pollina, der Cantadore aus Sizilien, ein großer Liedermacher aus Sizilien.
Pipo Pollina bereist mit seinen poetischen und politischen Liedern Europa seit bald 30 Jahren. In seinem Solo-Programm „Caminando“ (Bewegung, Aufbruch) erzählt er die Geschichten von Menschen, von Ereignissen, von Katastrophen des Lebens und der Liebe. 2 Konzerte in Nürtingen waren binnen weniger Tage ausverkauft, das Publikum begeistert. Pipo Pollina versteht es, mit seiner Stimme, dem Klavier und der Gitarre die Menschen im Herzen und im Verstand anzusprechen. Er erzählt die Geschichte, die jedem Lied zugrunde liegt, keines wird einfach dahergesungen. Jedes Lied eröffnet ein Gespräch mit den Zuhörern und führt in eine neue gegend menschlichen Lebens.
Dazwischen eine sehnsuchtsvolle sizilianische Tarantella, mit dem Tamburin virtuos begleitet, schon steht das Publikum vor Begeisterung. Da steht eine Seele auf der Bühne, ein Mensch, gut im Kontakt mit sich selber und den Menschen um sich herum. Die eingängigen, manchmal rockigen, manchmal elegischen Melodien unterstützen den Text und vor allem den weichen Ausdruck seiner kräftigen Stimme. Jede Geschichte ist so, daß sie einem bekannt vorkommt oder Staunen macht und oft tief berührt. Seine poetische Sprachkunst ist selbst in der deutschen Übersetzung noch spürbar, lesen Sie selbst

Quando Caro in deutscher Übersetzung
Wenn ich

Wenn ich einmal Staub in der östlichen Brise bin
Ein trockener Ast in der Morgenröte
Wenn ich einfach eine Atempause Deiner Rede
Ein orangefarbener Fetzen im Konfettiwirbel
Wenn ich einmal ehrlicher Schatten zwischen lichtern bin
Ein kaum wahrnehmbares Lächeln im Zögern
Und Liebhaber Deiner Nächte
Quelle Deinen Durst zu stillen.

Wenn ich einmal ein Tropfen
Im Novemberregen sein werde
Lebenssaft in Deinem Mutterbauch
Licht in Deinen Milchstraßen
Und ein bloßer Atemzug Deiner unbändigen Freude.

Wenn ich all das sein werde,
Liebste, werde ich auf Dich warten
Und sollten die Jahreszeiten des Lebens
Im Chor an uns vorbeiziehen
Sämtliche Winde eines verliebten Sturmes Wehen
So werde ich stolz alt werden,
Stolz, Dich geliebt zu haben.

Pipo Pollina

Pipo Pollina lebt seit vielen Jahren in Zürich und wurde dort jüngst zum Ehrenbürger ernannt. Im Zuge dessen hat die Stadt Zürich ihm für eine Tournee das Züricher Orchester zur Verfügung gestellt. Mit vier Streicherinnen dieses Orchsters kommt Pipo Pollina nun nach deutschland. Die Premiere seines Programms wird in Stuttgart im Theaterhaus am 15. Januar stattfinden.
Eine unbedingte Empfehlung sei hiermit ausgesprochen. (Kai Hansen)

Endlich: Theo Jansen

2009

C’est la vie – So sind wir. So ist das Leben

2009

CEST_LA_VIE_A4-D-1_215.jpg Irgendwann in “C’est la vie – So sind wir. So ist das Leben” schenkt Fleur (Déborah François) ihrem Vater ein aufblasbares Sitzpolster gegen die Rückenschmerzen. Der Vater ist seit 30 Jahren Taxifahrer. Die Rückenschmerzen sind aber kein Sitzproblem, sondern ein bereits weit fortgeschrittener Krebs, an dem der Vater stirbt. In einer ganz kurzen Szene setzt sich die trauernde Marie-Jeanne (Zabou Breitman) in das Taxi ihres Mannes Robert (Jacques Gamblin) , hält das Sitzpolster nah an ihr Gesicht und öffnet das Ventil, damit die Luft herausströmen kann. Wer diese Szene so verstehen will, wie der Regisseur Rémi Bezançon sie meint, sollte sich vom Auslassventil aufblasbarer Luftmatratzen, Nackenstützen und Sitzpolster fern halten. Der 2007 entstandene Film wird vom Verlag zwar als eine “berührend-unterhaltsame Familiengeschichte, authentisch und voller Überraschungen” angekündigt, verschluckt sich aber immer wieder bei der Umsetzung dieser vollmundigen Versprechung. Der Film läuft im Moment im Stuttgarter Delphi

Endlich: Johann Lorbeer

2009

Offener Brief des Clubs Iranischer und Europäischer Filmemacher (CIEF)

2009

An die Filmfestspiele Berlin GmbH und den Intendanten Dieter Kosslick

Sehr geehrter Herr Kosslick,

mit Bestürzung haben wir die Informationen über iranische Filme im Programm der 59. Internationalen Filmfestspiele in Berlin zur Kenntnis genommen. Wir sind entsetzt darüber, Herr Kosslick, dass Sie im Namen des „kulturellen Dialogs“ einen Propagandafilm über den iranischen Präsidenten und Holocaustleugner Ahmadinedjad zeigen. Der iranisch-kanadische Coproduktionsfilm mit dem Titel „Letters to the President“ versucht, dem Publikum einen verächtlichen Präsidenten als „human und volksnah“ darzustellen.

Im Iran werden permanent Regimekritiker, Andersdenkende, Künstler und Dichter, Schauspieler, Schriftsteller und Kulturaktivisten inhaftiert und hingerichtet. Der Terror gegen religiöse Minderheiten wie die Bahá’í wird intensiv und systematisch vorangetrieben. Frauen werden im Iran öffentlich gedemütigt und erniedrigt. Schwule und Lesben werden brutal verfolgt. Die Inhaftierung und Folter von Menschenrechtsaktivisten, Gewerkschaftern, Lehrern und Studenten gehören zur Tagesordnung.

Die Außenpolitik des schiitischen Regimes basiert auf Vernichtungsantisemitismus gegenüber den Juden in der Welt und Israel, umgesetzt durch die Unterstützung des islamisch-terroristischen Fundamentalismus sowie durch die atomare Aufrüstung des iranischen Regimes.

Es ist Ihnen bekannt, dass unter dem islamischen Regime alle Filme den rigiden Vorgaben der islamischen Zensur gehorchen müssen. Sie wissen auch, dass nur solche Filme gefördert und zugelassen werden, die den Vorgaben des „Iranischen Ministeriums für Islamische Kultur und Unterweisung“ entsprechen. Die von diesem Ministerium abgesegneten Festivalbeiträge erlauben zwar wohldosierte Sozialkritik, fungieren aber gerade dadurch als notwendige Propaganda zur Täuschung der internationalen Kulturbühnen, denn viele dieser Filme werden nur für die Filmfestivals gedreht, und es ist untersagt, diese in iranischen Kinos zu zeigen.

Seit Jahren hat sich die Berlinale unter Ihrer Leitung, Herr Kosslick, durch auffallende Nähe und Verbundenheit zu den offiziellen Regierungsstellen im Iran hervorgetan. Damit unterstützen Sie eine Form des Kulturaustauschs, der eine wichtige Legitimation dieses Terrorregimes darstellt. Den Menschen im Iran ist dadurch nicht geholfen. Im Gegenteil: Unter dem Deckmantel eines „kulturellen Dialogs“ wird ein Regime hofiert, das die Islamisierungspolitik im Iran und weltweit aggressiv vorantreibt und alle nicht-islamischen Elemente der persischen Kultur und Zivilisation, sowie im Iran lebende ethnische Minderheiten, Kulturen und Religionen immer weiter zurückdrängt und vernichtet.

Wir fordern daher Ihren Rücktritt, Herr Kosslick, da Sie als Intendant hauptverantwortlich dafür sind, dass die Berlinale dem iranischen Regime seit Jahren als Bühne für seine Propaganda dient. Wir fordern außerdem, die Filme aus dem Iran sowie die iranisch-kanadische Coproduktion „Letters to the President“ aus dem Programm zu nehmen, da sie keinen künstlerischen Beitrag, sondern Propaganda für das iranische Terrorregime darstellen.

Wir werden unsere Forderungen mit Protesten während der Berlinale öffentlich machen.

Mit freundlichen Grüßen

Arman Nadjm (Filmemacher und Dramaturg)

im Auftrag des Clubs Iranischer und Europäischer Filmemacher (CIEF

Kontakt: cief.berlinøgooglemail.com

Warum? Warum? in der Regie von Peter Brook mit Miriam Goldschmidt

2008

Jedes Wort wäre ein Wort zuviel. Zeit genug hätte ich gehabt, mir die Gründe dafür auszudenken, warum mir dieses Stück von Peter Brook und das Spiel von Miriam Goldschmidt nicht gefallen haben. Die Zeit während der Aufführung in der Stuttgarter Tri-Bühne hätte ich besser nutzen können. Statt mich zu langweilen, hätte ich mir Formeln meines Missfallens ausdenken können. Die Ruhe hätte ich während des Stücks gehabt, Ablenkung gingen von der sehr reizarmen sehr flachen Darbietung auch nicht aus. Miriam Goldschmidt ist eine Dame der großen Geste, die vor lauter Pathos gar nicht mehr laufen kann und die zu sehen ich mir aber das nächste Mal ersparen werde. Wenn ich auch Peter Brooks Inszenierung vom vergangenen Wochenende “Sizwe Bansi est mort” gelungen und unterhaltsam fand, so war “Warum? Warum?” das Gegenteil dessen, was ich mir unter Theater vorstelle. Schade! Daß der berühmte Theaterkritiker Marcos Ordoñez in Spanien ganz ähniche Probleme mit diesem Stück hatte, beruhigt mich, weil ich mich immer frage, ob nicht irgendetwas mit mir nicht stimmt, angesichts der zahlreichen Lobeshymnen zu diesem “Stück”.

Warum? Warum? wurde am 14.11.2008 im Stuttgarter Theater Tri-Bühne innerhalb des 9. Stuttgarter Europa Theater Treffens aufgeführt.

Der Untergang II: Nicolas Stemann

2008

In der Novemberausgabe der Zeitschrift “Theater heute” steht ein schöner Text von Nicolas Stemann.

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Stemann wird als Regisseur der Hamburger Inszenierung von “Ulrike Maria Stuart” vorgestellt. Er ist ein Kenner der Umstände, in denen Deutschland und die Welt die Kinofilme “Der Untergang (I)” und “Der Baader-Meinhoff-Komplex” (im Folgenden Der Untergang II) gesehen hat und ist mit dem Inhalt beider Filme bestens vertraut.
So schreibt er, dass ‘man als jugendliches Zielgruppenpublikum [im Film Der Untergang II] vor allem Moritz Bleibtreu sein möchte und auf keinen Fall Martina Gedeck, weil man ja schon in “Das Leben der anderen” Martina Gedeck nicht sein wollte, die auch noch das Pech hat, in Der Untergang II – will sagen “Der Baader-Meinoff-Komplex” – mit einer Person als Richter konfrontiert zu werden, die bereits ihre Ehe mit Sebastian Koch in “Das Leben der anderen” zerstört hatte; gemeint ist der hier noch als Stasi-Offizier verkleidete Thomas Thieme. (Nur in Klammern soll hier erwähnt werden, dass die Hauptperson von Der Untergang I trotz entferntem Oberlippenbärtchen und überdimensionierter Sehhilfe in Der Untergang II deutlich zu erkennen ist.)

Als “jugendliches Zielgruppenpublikum” – wie Nicolas Stemann weiter formuliert – wolle man letztlich nur einer sein: Peter-Jürgen Boock. Der sei der einzige, der in Der Untergang II Sex habe und immer noch lebe.
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Die meines Erachtens beste Bemerkung Stemanns bezieht sich auf den Autor des Buches “Der Baader-Meinhof-Komplex”, der in dem Film “Der Untergang II” kurz zu sehen ist. Der Schauspieler Volker Bruch solle doch mal gefragt werden, so Stemann, ob es nicht schwierig war, eine so unsympathische Figur wie Stefan Aust im Film darzustellen. Worauf Bruch in Anlehnung an Hitler (Der Untergang I) zu antworten hätte, dass er Aust so darstellen wollte – trotz allem, was man ja heute über ihn weiß, und, im Nachhinein ist man ja immer klüger – nämlich… trotz alledem … wollte er ihn vor allem als Mensch darstellen. Und, so Stemann, worauf der Reporter zu entgegnen hätte, dass ihm das leider vollkommen misslungen sei, denn “Sie haben Stefan Aust nicht als Mensch dargestellt, sondern so, wie er wirklich war”.

Der Artikel “Der Realitäts-Komplex” von Nicolas Stemann erschien in der Ausgabe Nr. 11 der Zeitschrift “Theater heute” (S.20f).

Sebastian S. macht sich ein Bild [Sebastian Schwab, Seraina Mario Sievi]

2008

Wahrgenommen habe ich Sebastian S. – “S” steht für Schwab – , zum ersten Mal in “Humankapital“, einem Ein-Personen-Stück, das Stefan Nolte nach dem Roman “Der Wert des Menschen” von Francois Emmanuel im Stuttgarter Depot (-Theater) inszeniert hat.
Hier spielt Schwab einen als Organisationspsychologen tätigen Unternehmensberater, der in die Mühle des sogenannten höheren Managements gerät. Der Organisationspychologe Simon (Sebastian Schwab) erzählt seine Geschichte und stellt alle Personen dar, die in seiner Geschichte vorkommen: den Chef, dessen Sekretärin, die Frau des Chefs, ein Vorstandsmitglied, einen Kollegen und den eigenen Vater. In dem verständlicherweise sehr textintensiven Stück überzeugt Schwab nicht nur durch seine akrobatische Gedächnisleistung, sondern auch durch seine Präsenz, seine Vielseitigkeit, kurz gesagt, durch seine Fähigkeit als Schauspieler.
Die von Emmanuel/Nolte herausgearbeiteten Parallelen zwischen Konzernkultur und Drittem Reich bekommen damit eine selten erlebte und gleichzeitig bedrückende Gegenwärtigkeit. “Humankapital” scheint seinem Darsteller auf den Leib geschrieben.
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Das Stück, das Schwab tatsächlich auf den Leib geschrieben ist, ist “Sebastian S. macht sich ein Bild”. Schwab ist in diesem autobiographischen Stück Co-Autor. Er hat es gemeinsam mit der Regisseurin Seraina Mario Sievi entwickelt und gestern abend uraufgeführt.
Im Zentrum von “Sebastian S. …” stehen Schwabs jugendliche Erlebnisse mit der Liebe und mit allem was ein Junge macht, um ein Mädchen für sich zu gewinnen. Die Rahmenhandlung ist eine Videobotschaft, die Sebastian für seine Angebetete/Freundin aufnehmen möchte. Der Grund erklärt er uns so: ” Ich will ihr mitteilen, dass ich es wirklich nicht okay finde, dass sie nicht gekommen ist, weil ich ihr nämlich dadurch nicht direkt sagen kann, dass es eben wirklich nicht okay ist, dass sie nicht da ist.” Weil er gut Klavier spielt und singen kann, will Sebastian ihr auch noch ein Lied aufnehmen. In sympathischer Maßlosigkeit scheut er nicht davor zurück, sogar das Stuttgarter Symphonieorchester für seine Bemühungen mit einzuspannen. Diese Rahmengeschichte, deren Realisierung über das normale Theater – was immer das auch heißt – hinausgeht und einfach sehr gut gelungen ist, wrid durch zahlreiche kleinere Geschichten, die weniger gespielt als erzählt werden, ergänzt. Da gibt es die Situation mit seinem besten Freund Rolf, der nicht “Eulen nach Athen”, sondern – ebenfalls vergebens – “Champus nach Paris” fährt, um einem Mädchen “endlich” zu zeigen, dass er sie “wirklich” sehr liebt. Da gibt es die gesuchte gemeinsame Gelegenheit auf einen ersten Kuss hoch oben im verlassenen, vor dem plötzlich einsetzenden Regen Schutz bietenden Kranführerhäuschen, dem allerdings die vom Kranführer zurückgelassene, noch gefüllte Frühstücksdose dazwischen kommt und den ersten Kuss ganz anders als erwartet schmecken läßt.
Sebastian S. ist sympathisch, klug, witzig, ein hübscher Mann und ein guter Schauspieler. Man kann ihn sich gut in den geschilderten Situationen vorstellen. Die Regisseurin Seraina Mario Sievi hat mit ihm ein sehenswertes Stück auf die Bühne gebracht.
Aber das Publikum war wohl etwas älter, als es dem Stück angemessen und lieb gewesen wäre. Denn die meisten von uns Zuschauern hatten ein Alter zwischen 17 und 25 schon lange oder sehr lange hinter sich.

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“Sebastian S. macht sich ein Bild” ist ein kleines Stück für jugendlichere, unbekümmertere Theaterbesucher, die hier besser als bei manchem jugendfern inszenierten “Hamlet”, “Die Räuber” oder “Kabale und Liebe” aufgehoben sind.
Wenn dieses Ein-Personen-Stück auch im Sinne des eingangs erwähnten “Humankapital” weniger ergreifend und bewegend war, so ist es durch seine Leichtigkeit, seine Intelligenz und sein Niveau doch in der Lage gewesen, die Zuschauer auf eine ganz besondere Weise zu bewegen, nämlich zum Theater; und vielleicht zu den “großen” Hamlets, Prozessen und Räubern, die in ihrer “Größe” ja häufig von nichts anderem handeln als das kleine “Sebastian S. macht sich ein Bild”.

“Sebastian S. macht sich ein Bild”, von Sebastian Schwab und Seraina Mario Sievi, wurde am 31.10.2008 im Stuttgarter Theater “Depot” uraufgeführt.

Hubert Spiegel fasst Orhan Pamuks “Das Museum der Unschuld” zusammen

2008

Michael Nesmann Quartett

2008

Das Michael-Nesmann-Quartett besteht aus interessanten Musikern, deren schwächster Musiker leider der Bandleader selbst ist. Ganz ausschließen will ich nicht, dass der Abend im Bix für den Gitarristen Nesman eine leidige Ausnahme war. Seine Improvisationen waren einfach schlecht und erstarrten viel zu schnell zu Riffs die, Hals auf, Hals ab, um ein paar Tone versetzt, zu häufig über den ganzen Tonbereich des Seiteninstruments geklopft wurden. Das ist lausig, zumal die Kompositionen von Michael Nesmann eher aufhorchen ließen.
Kann man dem Chef eines Quartett raten, sich auf das Schreiben von Stücken zu beschränken und die Improvisationen seinen Kollegen zu überlassen?

Nessmann
Michael Nesmann
Richtig ist aber auch, dass es in der Ankündigung des Quartetts “Saxofon-Jazz” heißt und nicht Gitarren-Jazz. Angesichts der Spielfreude des Saxofonisten ist das auch vollkommen angemssen, denn Andreas Francke ist in vielen Aspekten wirklich gut. Vor allem aber in seinem sehr klugen und feinen Improvisationen, bei denen die bei Michael Nessmann kritisierten, hohlen Phrasen einfach nicht vorhanden sind. Nessmann und Franck gemein ist der sehr schöne Ton, den beide auf ihrem Instrument hervorbringen. Wenn Nessmann bezüglich seiner Kompositionen als geistiges Zentrum verstanden werden kann, dann ist Franck das musikalische Zentrum des Quartett, das letztlich Nesmann-Franck-Quartett heißen müsste.

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Hans Fickelscher

Der Mann am Schlagzeug ist Hans Fickelscher der sein Handwerk sehr solide und überzeugend in die Band einbringt. Letztlich macht der durch seine Spielweise aber auch den Eindruck im Quartett eher unterfordert zu sein. Fickelscher kommt ohne Schnickschnack daher, hat ein übersichtlicheres Schagzeug mitgebracht und seine Improvisationen sind ein Genuss. Das eine oder andere Mal wirkten sie sogar etwas zu kurz. Was letztlich den großen Künstler auszeichnet, der immer auch das Gefühl vermittelt, er könne noch weit mehr.

Dangelmaier
Christoph Dangelmaier
Schließlich, last but noch least, Christoph Dangelmaier am bundlosen Bass ganz in der Tradition eines Jaco Pastorius. Es macht Freude Danelmaier zuzuhören. Sein melodiöseres Verständnis des Instrumentes steht mit der rhythmischen Aufgabe seines Bass in keinem Konflikt, sondern in einer fruchtbaren Beziehung, und seine Komposition “Walk don’t run” gehörte zu den Highlights des Abends.

Das Bix selbst war wieder einmal ein ganz ausgezeichneter Ort für anspruchsvollen Jazz. Und das lag auch an der freundlichen Kellnerin und dem überraschend guten Ellwanger-Rotwein, der nicht einmal teuer war.
Ich hoffe, dass ich mir bis zum nächsten Besuch im Bix nicht wieder so viel Zeit lasse.

Das Michael-Nesmann-Quartett spielte am 8.10.2008 im Stuttgarter Bix.

Hafners Paradies [Günter Schwaiger; 2007]

2008

Günter Schwaiger hat einen Film über einen älteren Herrn gemacht, der im Jahr 1941 mit 17 Jahren Mitglied der SS wurde und zwischen 1945 und 2007 unbehelligt in Spanien lebte: Paul Maria Hafner (83).
Wie macht man einen Film über einen vermeintlich “alten” Nazi und Leugner der Judenvernichtung? So wie Günter Schwaiger ihn gemacht hat, sollte man ihn nicht machen.

Denn.

Für Günter Schwaiger war es wichtig, Paul Maria Hafner als Mensch zu zeigen. “Es ist das Verhalten von bestimmten Menschen in bestimmten Situationen, was mich interessiert.” (Austrian Film Connection). Und nur so läßt sich die Bedeutung des Films in dem Satz zusammenfassen, der wohl auch schon.in der Bernd-Eichinger-Produktion “Der Untergang” Bedürfnis gewesen zu sein scheint und dessen Formulierung doch endlich mal einen mutigen Regisseur erfoderte: auch Nazis sind Menschen.

Dieser “Mut” ist in seiner Tragweite wohl nur mit dem Mut zu vergleichen, den man benötigt, wenn man in einer WG den letzten Fruchtjogurt ißt, obwohl man schon zwei gehabt hat. In diesem Sinne sind Oliver Hirschbiegel (als Regisseur von “Der Untergang”) und “sein kleiner Cousin” Günter Schwaiger Helden.

In einem anderen Sinn sind beide Filmemacher Zwerge.

In dem Dokumentarfilm “Hafners Paradies” erscheint Paul Hafner als eine Person, die im hohen Alter mitten im Leben steht, sich pflegt, respektvoll mit anderen Personen umgeht, Freundschaften unterhält und eine gewisse Natürlichkeit im Gespräch über Sexualität zeigt. Ein sympathischer alter Herr, der alleine einkauft, regelmäßig schwimmt und manchmal bei McDonalds essen geht.

Wenn da nicht diese merkwürdigen – vornehm ausgedrückt – Ausrutscher wären: der Hitlergruß im Wald; das “Deutschland, Deutschland über alles”, das er bei beschaulicher Beleuchtung abends allein im Wohnzimmer mitträllert; die Konzentrationslager, die Hafner u.a. als 10-Sterne-Hotels bezeichnet; die offensichtlich regelmäßige Lektüre von “Mein Kampf”; die Ansichtskarte, die Hafner an den im österreichischen Gefängnis wegen Leugnung des Holocaust sitzenden David Irving schreibt; der Kontakt mit den spanischen Neo-Faschisten …

Aber in der intimen Vertrautheit der Bilder, die Günter Schwaiger in seinem Film zeigt, ist von dem “alten Nazi” nichts zu sehen. Vielmehr sehen wir einen liebenswerten, älteren Herrn, der mir persönlich streckenweise sehr sympathisch ist, obwohl er sich manchmal eben etwas “merkwürdig” verhält.

Die Realität, die Günter Schwaiger filmisch abzubilden bemüht ist, hat mit der in Deutschland in den 1930er und 1940er-Jahren herrschenden Zuständen, deren Kern Rassenhass, Kriegstreiberei und Massenmord war, rein gar nichts gemein, denn Hitlergruß, “Deutschland über alles”, Mein Kampf und die 10-Sterne-Konzentrationslager waren alles anders als “Merkwürdigkeiten”. Sie standen für etwas, was man im Film “Hafners Paradies” einfach nicht wiederfindet.

Was ich meine, soll durch folgende, bewußt praktisch formulierte Anregungen deutlicher werden.

Als der vermeintliche Nazi Paul Hafner eine ältere, im Rollstuhl sitzende Bekannte im Altersheim besucht, hätte er doch gefragt werden können, ob es ihm nicht peinlich ist, mit dieser “sabbernden”, vor sich hin dämmernden, vollkommen kriegsuntauglichen Greisin (der Hafner übrigens auch noch eine große Schachtel Pralinen mitbringt) gefilmt zu werden. Oder ob er vielleicht Lust verspüre der Dame durch einen Schuss ins Gesicht – eine der Nazi-Euthanasie durchaus entsprechende Praxis – den Sprung ins Jenseits etwas zu beschleunigen. Auch wird an keiner Stelle die faschistische Rassenlehre auf den Punkt gebracht. Niemand fragt Hafner, wie er denn damit zurecht kommt, als “arischer Herrenmensch” zwischen so vielen minderwertigen, negroiden Untermenschen (den Spaniern) zu leben. Dass Hafner aufgrund seines hohen Alters auch schon etwas länger sein “Haltbarkeitsdatum” überschritten hat, wäre vielleicht auch eine Anmerkung wert gewesen.

Es muss in einem Film mit dem Anspruch, den Hr. Schwaiger hat, darum gehen, die oben erwähnten “Merkwürdigkeiten” mit der Person Hafner in eine erleb- und sichtbare Verbindung zu bringen, alleine auch schon deshalb, um zu verstehen, ob wir es hier wirklich mit einem “alten Nazi” zu tun haben oder nur mit einem älteren Herrn, der seine (Nazi-)Jugend auf eine etwas fragliche Art und Weise wach zu halten bemüht ist. Um uns nicht falsch zu verstehen, in dem einen wie in dem anderen Fall, allerdings in einer ganz unterschiedlichen Schwere, ist das Verhalten Hafners zweilfelsohne moralisch verwerflich und richtigerweise von strafrechtlicher Relevanz.

Letzlich geht es in meinen Überlegungen um die Frage der filmisch abgebildeten Realität. Dem Anspruch seiner Dokumentation – den Günter Schwaiger im Untertitel seines Films in Anlehnung an Hanna Arendt formuliert – die “Banalität des Bösen”, wird der Film einfach nicht gerecht. Wenn der Filmemacher zu Anfang seines Films meint zeigen zu müssen wie Hafner morgens seine Bettdecke zurückschlägt, aufsteht und den Tag beginnt, dann ist das nichts Anderes als die “Banalität des Banalen”.

Ich darf das an dem Film “Der Untergang” deutlich machen.

Hier wird als Realität ein abstraktes Erleben zugrunde gelegt, das dem Menschen ganz fremd ist und den Gegenstand (das Thema) verfehlt. In gewisser Weise haben wir es also, so verdreht, wie es sich anhört, mit einem “ungegenständlichen” Film zu tun. Denn so gering der Ausdruck in der Aufnahme einer Videoüberwachung ist, so wie das Passfoto aus dem Fotoautomaten noch lange kein Portrait ist, so ist ein Flm wie “Der Untergang” vor allem unsachlich, d.h.der Sache (will sagen dem Menschen Adolf Hitler) unangemessen.

Es wäre m.E. nicht angebracht Hitler im Film “Der Untergang” nur deshalb nicht beim Popeln zu zeigen, weil Hitler “tatsächlich” nicht gepopelt hat. Und wie verhält es sich mit folgender Szene?

Hitler steht neben dem Käfig seines Kanarienvogels und schaut zu wie dieser fröhlich singt. Hitler öffnet mit seiner rechten Hand langsam die Käfigtüre, greift mit seiner linken Hand nach dem Tier, nimmt seine Hakenkreuznadel vom Jackenkragen und sticht sie dem Tier direkt ins Auge und durch den Kopf.

In einem Film über Adolf Hitler entspricht es nicht meiner Vorstellung, eine ähnliche Szene unberücksichtigt zu lassen, weil Hitler “in Wirklichkeit” keinen Kanarienvogel hatte. Dem Filmemacher, der dieses neutrale “in Wirklichkeit” in seinem Film wiedergeben möchte, ist nicht mehr zu helfen.

Nun aber wieder zurück zu Günter Schwaiger, mit dem es sich ähnlich verhält. Denn am Schluss von “Hafners Paradies” wartet auf den Zuschauer ein Höhepunkt: die Begegnung des “Täters” Hafner mit dem “Opfer” Hans Landauer.

An der filmischen Darstellung der über die sture Anklage des Bösen weit hinausgehenden menschlichen Tiefe des Zusammentreffens zwischen Hafner und Landauer liegt Schwaiger sehr wenig. Viel zu diffus bleibt die Erklärung, worin denn die “Täterschaft” Hafners überhaupt begründet liegt – Hafner war Anfang der 1940er-Jahre als Jugendlicher im Rahmen seiner Ausbildung bei der SS als Besucher in Dachau – und in wie fern der Dachau-Insaße Hans Landauer ein Opfer ist.

Hafner weicht den zumindest sprachlich formulieren Fragen Schwaigers immer wieder aus; im Gegenzug gibt Schwaiger dem redewilligen Hans Landauer aber nicht die Gelegenheit seine Erinnerungen an sein Leiden in Dachau etwas auführlicher zu schildern.

Schwaiger hat einfach kein (filmisches) Gefühl für die Situation des Treffens. Lediglich in einem zu dem Film veröffentlichten Interview erwähnt Schwaiger seine Freundschaft mit dem Opfer Landauer, seine Distanz zu Paul Hafner.und seine Sorge um das seelische Wohl seines Freundes bei der Begegnung. Warum bleibt dieser Aspekt filmisch vollkommen unberücksichtigt? Ist es der Wunsch des Filmemachers nach Neutralität, nach einer ganz und gar unangebrachten Sachlichkeit?

Statt die besagte Begegnung gegen Ende des Films “filmisch” zu gestalten – z.B. durch die Erwähnung des hier beschriebenen Hintergrunds (s.o.) – beschränkt Günter Schwaiger sich “fast” auf ein reines Registrieren des Zusammentreffens. “Fast”, denn eine gestalterische Freiheit nimmt sich Schwaiger: er thematisiert während des Zusammentreffens eine während der Dreharbeiten bei Paul Hafner auftretende, schwerzhafte Nervenkrankheit im Bereich des Oberkiefers. Der während des Gesprächs in Hafners Gesicht zu sehende Schmerz, wird zu einem Mitgefühl erweckenden Zahnschmerz und ist nicht seelischer Schmerz eines aus der Latenz heraustretenden und nun von Hafner “empfundenen” Widerspruchs seines, einer falschen Jugend nachhängenden Lebens….

In der letzten Ausgabe der Wochenzeitung “Die Zeit” (Nr. 20) lese ich, dass der Film “Der Untergang” in der rechtsradikalen Szene Kultstatus genießt.

Ich hoffe, dass “Hafners Paradies” ein ähnliches Schicksal erspart bleibt und dass ich mich in meiner Bewertung des Films irre.

“Hafners Paradies” lief am 22.04.2008 im Stuttgarter Koki im Rahmen der Spanischen und Lateinamerikanischen Filmtage. Auf Youtube ist ein Teil des Films zu sehen. Hier ist die offizielle Website des Films.

Peymannbeschimpfung [Training von Helgard Haug und Daniel Wetzel (rimini protokoll)]

2006

Theaterbeschimpfung

Die Premiere der “Peymannbeschimpfung” im Kleinen Haus des Stuttgarter Schauspielhauses versprach am Samstagabend eine Stellungnahme nach 30 Jahren Deutscher Herbst.

Zur Erinnerung:

1977 soll der damalige Stuttgarter Intendant Klaus Peymann dazu aufgerufen haben, für eine Zahnbehandlung der einsitzenden RAF-Terroristin Gudrun Ensslin zu spenden. In der deutschen Presse der damals allzu wundervollen 70er Jahre brach ein Sturm der moralischen Entrüstung los. Der Spendenaufruf brachte das Fass zum überlaufen, denn der Faust-Inszenierer hatte ja bereits gewagt, in Camus’ “Die Gerechten” eine Straßenbahn filmisch über die Bühne fahren zu lassen, auf der deutlich der Name der letzten Haltestelle dieser Linie zu lesen war: “Stammheim”. In dem Stück geht es um einen schließlich doch nicht stattfindenden Tyrannenmord.

In “Peymannbeschimpfung” geht es um die Aufarbeitung von rund 600 Schmähbriefe, die der Intendant infolge seines “Spendenaufrufs” vor 30 Jahren erhielt – so zumindest die Ankündigung des Stuttgarter Staatstheaters.

Geht es um mehr?

Während der “kollektiv inszenierten” Darbietung erscheint auf einer großen Leinwand im hinteren Bereich der Bühne Claus Peymann selbst. Mit sichtlich vergnüglichem Grausen liest der heute am Berliner Ensemble arbeitende Regisseur aus den erwähnten Schmähbriefen, deren Inhalt hier im Einzelnen nicht widergegeben werden muss, weil in ihnen vor allem von paarhufigen Masttieren beiderlei Geschlechts und rückwärtigen Körperöffnungen die Rede ist. Mittels einer zweiten Projektion und dank Google-Earth wird die Adresse der jeweiligen Absender geortet, um mit gebührlichem Respekt rachelüsternde Sprache und guten Bürger in einen Zusammenhang zu bringen.

Aber eben 30 Jahre zu spät.

Zwischendurch erklärt der Rüstmeister des Stuttgarter Theaters anhand von Protokollen und Erinnerungen die tatsächlichen Ereignisse um seinen damaligen Chef. So stammte der Spendaufruf nicht von Claus Peymann (Bild), sondern von der Mutter von Gudrun Enslin. Die Presse hat gelogen und Tatsachen verdreht.

Der Rest, gehört dem Turnverein TV Stammheim, dessen Mitglieder auf der Bühne des Theaters von nun an sich strecken und dehnen, im Kreise drehen, tanzen und Tischtennis spielen. Gespickt nur noch von ein paar kurzen Lebensgeschichten der Übungsleiterinnen, deren Erzählungen wiederum von GoogleEarth begleitet und in einen örtlichen Zusammenhang mit der Justizvollzugsanstalt (JVA) Stammheim gebracht werden. Stammheim sei, so bleibt zu ahnen, mehr als die JVA, aber ohne diese doch deutlich unbekannter. Aha, oh, ah.

Während des restlichen Stückes fortwährendes Gehüpfe, das durch seine Banalität immer unerträglicher wird. Die Flagge des Stammheimer Turnvereins hängt gravitätisch beleuchtet, wie eine Staatsflagge, von oben herabgelassen über dem Geschehen – übrigens gegenüber, hinter dem Publikum, im Dunkeln, der Bundesadler auf gleicher Höhe.

Und dann ist das voyeristische Stück zu Ende. Hinschauen wollte man schon lange nicht mehr. Körper, Menschen, die drinnenstecken und mit tapferem Lächeln gegen den Zustand Formlosigkeit, den man auch Tod nennt, ankämpfen. Man hat Dinge gesehen, die man nicht sehen wollte, hat sich gegruselt über eine längst bekannte Ahnung von dumpfer bundesdeutscher Masse, die gar nicht verstehen kann, daß … ach lassen wir das – und hat sich schließlich gefragt, warum man nicht schon vorher gegangen ist um die Zeit sinnvoller zu verbringen. Fragen: KEINE. Entwicklung: NULL, und Tschüss.

Banalität als letzte Provokation? Ein vollkommen schauspielerfreies, schlimmes Theater, ein grausiges Stück. Und sind nun die Laien des TV Stammheim bemitleidenswert oder “nur” Opfer? Auf jeden Fall sind Sie benutzte Statisten in einem schlechten Spiel.

Die “Abwesenheit von Gedanken” ist eine naheliegende Beschreibung von Hölle.

Kai Hansen

Broken Flowers [Jim Jarmusch;2005]

2005

Der Vergleich von “Broken Flowers” und Wim Wenders neuem Film “Don’t come knocking” ist reizvoll.
Hier Jim Jarmusch, dort Wim Wenders. Hier der etwas verknittert wirkende und äußerst gelangweilte Don Jonston (Bill Murray); dort der gut aussehende, “gebügelte” Sam Shepard. Hier der die Vaterschaft verkündende rosafarbener Brief, dessen Weg zum Adressaten den Zuschauer in die Geschichte führt; dort der Ritt “nach Hause” zur Mutter, die dem Protagonisten in einem Nebensatz die Nachricht vom unerwarteten Vatersein übermittelt. Während die Einleitung hier den Vorspann ausfüllt, braucht der Regisseur dort mehr als eine halbe Stunde “um zur Sache zu kommen”.

Die möglichen “Mütter” bei Jim Jarmusch sind vier doch recht unterschiedliche Frauen:

die Tierpsychologin (Jessica Lange), die Immobilienmaklerin (Frances Conroy), die Physiotherapeutin (Sharon Stone) und die nicht weiter charakterisierte “Rockerbraut” (Tilda Swinton).

Dort, bei Wim Wenders, sind es vor allem die ehemalige Kellnerin und nun zur kellnernden Geschäftsführerin aufgestiegene Doreen (Jesscia Lange) und eine zur Asche reduzierte, weil mittlerweile verstorbene Dame. Während die Frauen bei Jarmusch auch etwas anderes als Mütter sein DÜRFEN ohne etwas anderes sein zu MÜSSEN, setzt Wenders nicht nur bei dem Auto des Protagonisten auf ein älteres Modell (ein Packard, ein Auto aus den Zeiten, als es noch richtige Autos gab).

Hinter dem Protagonisten von “Broken Flowers” steht Winston (Jeffrey Wright), der sich neben seinen drei Arbeitsverhältnissen auch noch der Hobby-Detektiverei widmet und das Mysterium des Vaterschaft verkündenden rosa Briefes aufzuklären sich als Vater von drei Kindern zur Herzenssache macht. Letztlich ist Winston es, durch den der phlegmatischen Don sich gemüßigt sieht, sich auf den Weg zu machen. Den Held treibt es nicht fort, er wird fort getrieben.

In “Don’t come knocking”, gibt es auch einen Detektiv, aber einen Hauptberuflichen, einen von der Versicherung. Glatt und mit einem ganz schicken Auto. Er hat die Aufgabe, den Cowboy Howard wieder einzufangen und mittels Handschellen zurück zu den Dreharbeiten zu bringen, von denen er sich ebenso spontan wie unerlaubt entfernt hatte. Letztlich ist dieses Zurück für Howard (Sam Shepard) trotz oder grade wegen aller Vaterschaftsduselei eine Erlösung. Nicht uniteressant ist, dass die Reise, die Howard im Film von Wim Wenders macht, fern von “Zuhause” beginnt und auch dort endet, während Jim Jarmusch seinen Helden gegen dessen Willen in die Ferne schickt und wieder aus dieser zurückkehren läßt. Dass beide Helden dort wie hier genauso unzufrieden/zufrieden sind, sei nur am Rande bemerkt.

Familiär wird es bei Wenders erst als dessen Held sich von seinen “Kindern” verabschiedet.

Auch in “Broken flowers” wird es im Sinne der Kleinfamilie familiär. Aber ganz anders.

Hier bekommt Don (Bill Murray) erstmal von den “Begleitern” der Rockerbraut Penny (Tilda Swinton) – die vierte und letzte Station seiner Odyssee – eins in die Fresse: “Damit er sich endlich verpisst”. Was er, leicht lädiert, dann ja auch tut.

Und dann wird es im obigen Sinn bei Jarmusch familiär. Allerdings gibt es keine Mutter und keinen Sohn und folglich auch keinen Vater, zumindest nicht im biologischen, sondern allein im “textilen” Sinn. Denn da ist plötzlich ein “Typ”, den Don schon am Flughafen gesehen hat. Um die 20. Mit so einer Trainingsanzugsjacke, wie Don sie selbst trägt. In dem rosa Brief stand etwas davon, dass sich der vermeintliche Sohn auf die Suche nach seinem Vater mache. Und dieser Typ mit der Trainingsanzugsjacke könnte doch, so denkt Don, sein Sohn sein. Der “Stimme des Blutes”, der “Tochter” und “Sohn” folgen, um am Ende von “Don’t come knocking” ihrem “Vater” nachzureisen, stellt Jarmusch die mir einfach sympathischere Stimme der “Trainingsanzugsjacke” entgegen. Da aber auch deren Ruf nicht unfehlbar ist, ergreift der junge Mann, den Don wegen der Trainingsanzugsjacke als Sohn anspricht, panisch die Flucht.

“Broken flowers” lief u.a. am 24.09.2005 im Stuttgarter Delphi-Kino.

Idomeneo [Autor: Wolfgang Amadeus Mozart; Intendantin: Kirsten Harms]

2005

In Berlin wurde Mozarts Oper Idomeneo abgesetzt. Es geht im Stück um die Frage menschlicher Opfer. In der Schlußszene sollten, so der Einfall der Regie, die abgehackten Köpfe von Buddha, Mohammed und Jesus, blutig vor dem Publikum auf Stühlen, wie Trophäen, plaziert werden. Schaurig fürwahr. Die beflissene Aufregung mit dem erregten Blick auf fanatisierte Muslime, gilt unserer freiheitlichen Grundordnung Welch subtil reflektierte Bezugnahme. Es darf angemerkt werden, daß abgehackte Köpfe ein äußerst brutales Bild sind, welches außerdem kein Bestandteil der Mozart-Oper ist. Es darf angemerkt werden, daß nicht nur Muslime, sondern auch von Buddhisten und Christen religiöse Gefühle haben? Kunstverbote sind schrecklich. Vieles ist auszuhalten. Jedoch ist mindestens ebenso unerträglich wie die Zensur egal woher, die Beliebigkeit und sinnentleerende Versaubeutelung von pseudoaufgeklärten Witzfiguren Da nehmen einige hochmütige Herrschaften eine Freiheit in Anspruch, ohne Rücksicht auf Verluste und sie gefährden damit die Grundordnung ebenfalls. Denn Freiheit ist ohne Sensibilität und Achtung eine hohle Angelegenheit. Wer nichts mehr zu achten weiß, außer die eigene sich im Triebhaften suhlenden Trivialität, der braucht Korrektur – und die besteht nun einmal aus Entzug der Akzeptanz.

Man muß an so einer Stelle doch statt eine Diskussion zu verhindern, in dem man auf die Grundrechte schielt, den Geist, der hinter einer solchen Inszenierung steckt entlarven. Der schon lange viel zu hochmütige Westen mahnt eine Entwicklung im Islam an, und kappt doch selber in verrohender und abstumpfender Weise seine inneren Wurzeln. Da ist doch eine zynisch gruselige Tumbheit, die sich an immer stärkere Reize klammert und eine ängstliche Frustration, die in der eigenen Agnostik erstickt. Äußert sich hier eine Führungsschicht (von Intellektuellen kann man nicht mehr sprechen), die dabei ist jegliche Scham zu opfern, um einer kruden Sensation oder eines Grusels willen?

Unsere Wurzel bestehen aus dem Zusammenfließen unterschiedlichster geistiger Hintergründe. Und es stünde uns besser an, etwas dafür zu tun, dass die trennenden Elemente von Weltanschauungen und Religionen dadurch überwundern werden können, daß sie in ihren jeweils besten Elementen Respekt finden, bzw. im Rahmen einer gesteigerten Aufklärung und größeren Bewußtheit zusammenfinden. Das geht nicht ohne Selbsterkenntnis. Dass gerade die drei geköpften Religionsführer jeweils unterschiedliche und bedenkenswerte Haltungen zum Thema der Entwicklung von Einzelnen und von Gemeinschaften und in diesem Zusammenhang auch beim Thema des Opfers eingenommen haben, und dadurch durchaus friedlich intendierte Beiträge zur Kultivierung des Menschlichen geleistet haben, diesen tatsachen wird hier triumphierend Hohn ausgesprochen.

Die Intendantin Kirsten Harms, die nun beschimpft wird und der Feigheit bezichtigt, hat vielleicht zu stark reagiert. Aber sie hat immerhin reagiert und sie hat gezeigt, daß sie ihr Kulturverständnis noch nicht an der Garderobe der agressiven Pseudo-Aufgeklärtheit übersättigter Kulturbonzen abgegeben hat, die im Theater nur noch auf Gewalt, Pornographie und Gebüll reagieren, was dann die armseligen Regiessuere als Realität fixiert wissen wollen.

Wünschenswert, wie gesagt, wäre eine ebenso engagierte Auseinandersetzung mit den inhaltlichen Fragen, die durch diese Inszenierung aufgeworfen wurden. Leider hat es den Anschein, daß es gerade in Mode ist, jegliche Spiritualität, die sich einmischt, als illegitim und fundamentalistisch abzukanzeln. Niemand möchte den Laizistischen Statt abschaffen. Aber wer hysterisch darauf pocht, daß Religion reine Privatsache sei und deshalb sich von öffentlichen Äußerungen zurückzuhalten hat, der verkürzt die Freiheit zu eigenen Gunsten.

Kai Hansen, Nürtingen

Don’t Come Knocking [Wim Wenders; 2005]

2005

Wim Wenders liefert mit “Don’t come knocking” einen Film ab, der bei mir ähnlich wirkt wie Katzenhaar auf einen Allergiker.
Die “Geschichte”:

Howard Spence (Sam Shepard), macht sich eines Tages bei Dreharbeiten samt Pferd und Cowboyhut aus dem Staub. Er reitet zu seiner Mutter. Dort erfährt er zufällig, dass er ein Kind haben soll. Howart nimmt das Auto seines verstorbenen Vaters und fährt nach Butte, Montana. Hier trifft er auf drei Personen:

seine ehemalige Freundin Doreen (Jessica Lange), den gemeinsamen Sohn Sutter (Gabriel Mann) und seine Tochter Sky (Sarah Polley), die die Asche ihrer kürzlich verstorbenen Mutter, um sie in Montana beizusetzen, in einer Urne bei sich hat.

Wenders läßt mal wieder die alten Zeiten hochleben und scheut dabei vor einer Aneinanderreihung von Plattheiten und Klischees nicht zurück. Sam Shepard ist sicherlich nicht unattraktiv oder ein schlechter Schauspieler, aber wem das Verständnis dafür, was Film ist, abhanden gekommen ist, der hat kein Gefühl mehr dafür, wann es Gabriel Mann als Sutter und Jessica Lange als Doreen helfen auch diesem “stolpernden” Film ein wenig auf die Sprünge.

Kurz gesagt: Schade um das Eintrittsgeld!

(siehe auch “Broken flowers”)

“Don’t come knocking” lief u.a. am 23.09.2005 im Stuttgarter Atelier am Bollwerk.

Mike Svoboda [10.04.2005]

2005

„Ich wollte daß die Musiker Entscheidungen treffen müssen, und daß sie aufmerksam werden, wie diese Entscheidungen Auswirkungen haben. Normalerweise müssen Musiker das spielen, was ihnen vorgegeben wird, und zwar möglichst immer gleich. Die Musik dieses Abends hat mit Freiheit zu tun.“.

So begann Mike Svoboda am Sonntagabend das Gesprächskonzert der Jungen Kammerphilharmonie Baden-Württemberg, das Dank der guten Zusammenarbeit zwischen dem ProVisorium, dem Landesmusikrat und dem Nürtinger Kulturamt in der Kreuzkirche stattfinden konnte. Dieses Orchester wurde 1980 gegründet und besteht aus Musikstudenten, die sich mehrmals jährlich zu Arbeitsphasen mit herausragenden Dirigenten treffen, z.B. Helmuth Rilling und dieses Jahr der Komponist, Dirigent und Posaunist Mike Svoboda. Zum Abschluß ihrer 1-wöchigen Arbeit mit Mike Svoboda haben die 11 Musiker aus Deutschland, Spanien, Frankreich, den USA, und China eindrücklich und begeisternd Neue Musik erlebbar gemacht. Svododa kam zum zweiten mal zum Provisorium nach Nürtingen.

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Der sympathische Amerikaner Mike Svoboda hat mit Humor und Disziplin die jungen Musiker zu Höchstleistungen angeregt. Er ist 1960 auf der Pazifikinsel Guam geboren und in Chikago aufgewachsen, hat mit Frank Zappa und dem Ensemble Modern gespielt, in der Royal Opera von Covent Garden und der Mailänder Scala Werke von Stockhausen aufgeführt. Bekannt wurde er mit seinen humor- und liebevollen Vermittlungen zwischen Klassik und Moderne, die es auf CD zu kaufen gibt: „14 Versuche Wagner lieben zu lernen” (2002) und “DJ Cherubino: My God Mozart!” (2002).

Wer hat Angst vor Neuer Musik ? Nicht nötig, Mike Svoboda erklärt wie der nette Junge von nebenan, was die Erneuerer der Musik des 20 Jh. besonders interessant macht. Seit den frühen 60er Jahren entstand die Minimal-music. Musiker wie John Cage, Stockhausen, Terry Rily und Rzewski, mit Ausnahme von Stockhausen alles Amerikaner erweitern das klassische Verständnis eines musikalischen Werks, öffnen die Grenzen zum natürlichen und technischen Geräusch, befassen sich intensiv mit dem Erleben des Zeitlichen, der Stille, mit der Wirkung der räumlichen Umgebung in der musiziert wird.

Das erste Stück des Amerikaners Rzewski spielte mit wenigen Motiven und feinen Verschiebungen von Rhythmus und Melodie. Die Bläser (Horn, Oboe, Klarinette) übernahmen die Klangstruktur von den beiden Kontrabässen, zusammen mit den beiden Perkussionisten wogte das Gespräch in Wellen weiter zum Akkordeon, wie Atem holen, wie ein Bach. John Cage Stück „Variations IV“ von 1963 bekam seine Struktur durch die eindeutige Vorgabe der Dauer von 8 Minuten und die zufällige Vorgabe der räumlichen Verteilung der Musiker. Diese wurden nach Regeln des chinesischen I Ging gewürfelt – und spielten in der ganzen Kreuzkirche verteilt. – was das Hörerlebnis ungemein steigerte. Svoboda freute sich sichtlich über die gute, trockene Akustik der Nürtinger Kreuzkirche. Minimalmusic befaßt sich mit natürlichen Strukturen, Zyklen des Entstehens und Vergehens, – für sie ist alles Klang. Drum spielt der
Die musikalische Spannung entstand durch das Lauschen, durch das musikalische Gespräch mit den Ereignissen. jeder Ton bekommt im Hinhören seine eigene Würde
KarlHeinz Stockhausen klang mit einem Stück aus seinem Tierkreis-Zyklus erstaunlich romantisch, melodiös und feingliedrig. Nach eine Pause verlangt das Stück „in C“ von Tery Rily den Musikern höchstes Können ab. Mike Svoboda kündigt an: Lassen Sie das analysierende europäische Bewußtsein ruhen, lehnen Sie sich zurück, lauschen Sie dem pazifischen Ozean vor der Küste Kaliforniens, wo dieses Stück entstanden ist. Rily beeinflußte mit seiner Musik Bands wie The Who, Talking Heads, Brian Eno und ist damit ein Vater der Ambient Music.
In der Neuen Musik wird die Geistesgegenwart zum wesentlichen Ausgangspunkt von schöpferischer Freiheit, sie würdigt die sinnliche Umgebung im Hören, und verwandelt sie zugleich im freien, achtsamen Spiel. Man könnte das musikalische Konzept der minimal music mit dem mittelalterlichen Satz zusammenfassen „In minimum Deus maximum“, „Im Kleinen ist Gott am Größten“. Dass dabei europäische, amerikanische und asiatische Philosophie-, Religions- und Musikeinflüsse zusammenfließen, steigert für Hinhörer den zeitgemäßen Hochgenuß. Man wünscht sich mehr davon.

(c) Text und Bilder: Kai Hansen
Mike Svoboda zeigte die sympathischen Seiten Neuer Musik am 10.04.2005 in der Kreuzkirche Nürtingen

La Luna de Avellaneda [Juan José Campanella;2004]

2005

“La luna de Avellaneda” ist nach “El mismo amor, la misma lluvia” und dem auch in Deutschland gezeigten “El hijo de la novia” ["Der Sohn der Braut"] der letzte Film der Trilologie des argentinischen Regisseurs Juan José Campanella über sein Land. Unter den Schauspielern, die in allen drei Filmen auftreten, sollen an dieser Stelle nur Ricardo Darín und Eduardo Blanco erwähnt werden.

In “La luna…” sind Darin (als Román) und Blanco (als Amadeo) gute Freunde und es macht Spaß ihnen dabei zuzusehen. So wie es Spaß macht, dem gesamten Film zu folgen, der mit einer Länge von 2:26 h noch nicht einmal zu lang geraten ist.
Eine dritte sehr beeindruckende Schauspielerin ist Valeria Bertucelli in der Rolle der Tanzlehrerin Cristina. Bertucelli spricht als verspreche sie sich ständig und wirkt dabei elegant unbeholfen, vergleichbar nur mit einer Zirkusakrobatin, die den einen oder anderen Fehltritt meisterlich beherrscht, um die Spannung zu steigern und die Aufmerksamkeit der Zuschauer noch stärker an sich zu binden.

Eine weitere Person, die hier nicht unerwähnt bleiben darf, ist Jose Luis López Vázquez, der als Don Aquiles mit betörender Leichtfüßigkeit eine Gastrolle hinlegt, die die Zuschauer im Theater mit einer stehende Ovation gedankt hätten. José Luis López Vàzquez ist einer der großen alten Männer des spanischen Films, der mit Marco Ferreri, Luis Garcia Berlanga, Jaime de Armiñán, Carlos Saura und vielen anderen zusammengearbeitet hat und in eine Reihe mit Paco Rabal, Fernando Rey, Alfredo Landa und Fernando Fernán-Gómez gehört.

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“La luna…” ist die Geschichte der Menschen des gleichnamigen Clubs im Stadtteil Avellaneda von Buenos Aires. Ob es diesen Stadtteil und den Verein wirklich gibt, spielt keine Rolle; im Film gibt es den Stadtteil, den Verein und vor allem die Menschen. Da ist Román [Ricardo Darín] der vor mehr als 40 Jahren auf einem fröhlichen Vereinsfest geboren wird und dadurch die Ehrenmitgliedschaft auf Lebenszeit verliehen bekommt. Fröhliche Feste gibt es nach 40 Jahren auch heute noch, aber die Menschen sind nicht mehr ganz so fröhlich, vielleicht auch, weil es lange nicht mehr so viele sind. Die Zeiten, in denen der Club das zweite Zuhause der Leute war, die ringsherum in den lärmenden und dampfenden Fabriken arbeiteten sind vorbei.
Dann sind da noch Amadeo [Eduardo Blanco], Graciela [Mercedes Morán], die Tanzlehrerin Cristina [Valería Bertucelli] und Románs Frau Verónica [Silvia Kutica]: Amadeo verliebt sich in Cristina, Cristina will aber erstmal nichts von Amadeo wissen; Verónica ist mit sich und Román unzufrieden und will eine Zeit ohne ihn leben; Román erwischt Graciela dabei, wie sie in die Vereinskasse greift.

Am Ende soll der Club privatisiert werden und jedes Clubmitglied soll einen Arbeitsplatz erhalten.

“La luna de Avellaneda” begnügt sich mit den kleinen Dramen, den Liebens- und Lebenwürdigkeiten normaler Menschen. Das ist die Größe dieses Film oder besser gesagt, sein “Charme”. Und sein Regisseur Juan José Campanella ist ein Meister des charmanten Films.

“La luna de Avellaneda” lief am 5.1.2005 im Madrider Kino “Renoir Princesa” in spanischer Originalversion

La hija del aire [Autor: Pedro Calderón de la Barca; Regie: Jorge Lavelli]

2004

Concepción y adaptación: Jorge Lavelli
Intérpretes: Blanca Portillo, Pompeyo Audivert, Julieta Aure, Joselo Bella, Gustavo Böhm, Cutuli, Luis Herrera, Francisco Nápoli, Paula Requeijo, Matías Pedro Ricci, Luchano Ruiz, Sergio Sioma, Marcelo Subiotto, Eleonora Wexler, Alejandro Zanga.
Director: Jorge Lavelli.
Vestuario: Graciela Galán.
Escenografía: Pace.
Composición y Dirección Musical: Gerardo Gandini.
Género: Drama
Fecha: 21 de Diciembre de 2004 hasta 16 de Enero de 2005
Teatro Español. Madrid.

La hija del aire (1653) es quizás una de las obras más complejas de todas las escritas por Calderón de la Barca. Es una pieza de base mitológica, escrita en verso, que gira en torno a Semíramis, la reina de Asiria y fundadora de Babilonia, mujer extraordinaria, seductora y guerrera, nacida bajo el signo de la violencia (su madre, violada, mató a u ofensor, y murió a consecuencia del parto), que representa las desmedidas ansias de poder. La obra, en su versión completa, es un largo texto que abarca mas de siete mil versos, pero el montaje que Jorge Lavelli presenta se centra en la segunda parte del drama, en el que se profundiza en el espíritu maligno que subyace en la protagonista, Semíramis, acusada por el Rey de Lidia de ejercer un poder abusivo. El verdadero rey debería ser Ninias (hijo de Semíramis y de Nino, muerto en circunstancias oscuras). El rey de Lidia y Semíramis mantienen una disputa por esto que finaliza en una guerra abierta. A continuación, el pueblo reclama el poder para Ninias y Semíramis renuncia, dejando planear una amenaza terrible sobre el reino, aunque más tarde aparece sustituyendo al heredero legítimo, su hijo Ninias, disfrazándose y aprovechándose del gran parecido que tiene con él.

El director, Jorge Lavelli (1931) tiene una larga e importante trayectoria en el teatro con más de un centenar de obras y de óperas. De 1987 a 1996 dirigió el Teatro Nacional de la Colline de París, que dedicó a la escritura contemporánea, y en nuestro país es un conocido hombre de teatro desde que dirigió obras como El público, de Lorca, o las Comedias Bárbaras, de Valle Inclán; además, de participar en montajes históricos del reciente teatro español como Doña Rosita la soltera, La Tempestad o Eslavos.

El impresionante espacio escénico, obra de Pace, representa un palacio poblado de mil puertas y ventanas, donde los personajes viven encerrados, rodeados de rumores y voces del pueblo. En la infinidad de ventanas, los personajes del drama se asoman y desaparecen. Da cabida además a un sexteto de músicos que interpreta música en directo compuesta y dirigida por Gerardo Gandini, al estilo de Hans Eisler o Kurt Weil, compositores de las obras de Bertolt Brecht. La magnífica escenografía facilita el trabajo actoral en diferentes planos y alturas, convenientemente resaltados por los efectos y juegos de luces, permitiendo incluso, en un momento de la obra, que se asemeje a un vodevil al permitir un juego de puertas que se abren y se cierran rápidamente para dar entrada y salida a los personajes.

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En cuanto al vestuario, obra de Graciela Galán, no está planteado desde un momento histórico concreto y destaca por la sobriedad de tonos y la elegancia del diseño que facilita que actores y actrices, a través de la amplitud del trabajo corporal, se desenvuelvan en sus trajes con movimientos bruscos, mecanizados, muchas veces, como si de marionetas se trataran.
Respecto a la interpretación, reseñar el magnífico trabajo realizado por la actriz Blanca Portillo que desempeña en la obra un doble papel; por un lado, es Semíramis, la dura reina de Babilonia y, por otro, es Ninias, el hijo de la reina. Ambos personajes bien trabajados y perfectamente construidos, que le permiten pasar de uno a otro a partir de una interpretación espectacular, basada en sus especiales dotes dramáticas, su físico maleable, y su perfecta dicción. En comparación con su impresionante trabajo, los demás actores y actrices recitan los versos calderonianos de forma impersonal, sin matices, a pesar del sugerente acento de los intérpretes argentinos.

Carmen de las Peñas*

Das von Jorge Lavelli inszenierte Stück aus dem 17. Jahrhundert wurde am 26.12.2004 im Teatro Español aufgeführt.

El retablo de las maravillas. Cinco variaciones sobre un tema de cervantes

2004

Dirección: Albert Boadella
Compañía: Albert Boadella
Lugar: Albert Boadella. Madrid
Desde el 18 de noviembre 2004 al 9 de enero de 2005.

Els Joglars han tenido la magnífica idea de extrapolar el tema del entremés El retablo de las Maravillas de Cervantes a la época actual. Partiendo de la situación del siglo XVI, en el palacio de los condes Daganzo –en alusión al también entremés cervantino La elección de los alcaldes de Daganzo-, se llega posteriormente a la sociedad actual donde se siguen produciendo situaciones en las que se dan idénticos engaños y se exalta al más tonto, que es capaz de alcanzar los más altos cargos de la sociedad.

El ambiente del siglo XVI está recreado a través de unas luces de candilejas y de un telar como fondo de la escenografía, como si de una antigua comedia de los tiempos de Cervantes se tratara, y con unos cómicos con máscara de la commedia dell’arte. Uno de ellos, Arbecchino, hará un viaje en el tiempo para comprobar cómo en las épocas actuales, el condesito Daganzo se convierte, a pesar de su poca inteligencia, en una autoridad religiosa, artista postvanguardista, cocinero experimental y líder político. Se critica así de manera feroz todo el espectro social que necesita maravillas y en el que sigue habiendo muchos ilustrados que las ven aunque no existan.

Argumento
Chanfállez y Chirinos han robado los baúles de una compañía italiana de commedia dell’arte y se han convertido en Pantalone y Arbecchino dispuestos a maravillar con ese retablo que tan sólo pueden ver quienes tienen linaje y carecen de sangre judía. Los cómicos les mostrarán cómo cualquier tarado, como su hijo Don José, podrá ser en el futuro artista, genio o, incluso, emperador. Arbecchino será el conductor de ese viaje hacia el futuro gracias a una seta de grandes poderes alucinógenos. Por la magia del retablo, Don José, en un final tomado del cuento de Andersen, El vestido nuevo del emperador, se convertirá en religioso embustero, en artista de éxito, en un maestro de la alta cocina y en un político.

Salvo el cocinero, el resto de los arquetipos, pueden rastrearse en anteriores montajes de Els Joglars. La crítica a las autoridades religiosas ya presidía su Teledeum (1983) yel esperpéntico retrato de los políticos nos recuerda a Ubú President y a La increíble historia del Dr. Floit & Mr. Pla; mientras que la parodia de la glorificación del arte contemporáneo tiene su antecedente en Daaalí. Esta recurrencia de asuntos, pudiendo constituir un peligro de repetición, es una de las grandes virtudes de esta compañía, ya que remite a elaborado mundo propio.

Actores
La compañía Els Joglars es un fenómeno teatral de excepción, ya que representa un trabajo escénico continuado a lo largo de cuarenta años, en el que predomina, el rigor interpretativo y la sorpresa visual; siempre dirigidos bajo el inigualable Albert Boadella. En escena vemos a ocho magníficos actores que tienen que multiplicarse en numerosos papeles, destacando quizá Ramon Fontserè que interpreta a los cuatro tontos y hace una auténtica creación de cada uno de ellos.

Escenografía
El espacio escénico en el que se desarrolla la obra es impactante. Comienza la sátira con la recreación de una comedia del siglo XVI, iluminada con unas luces de candilejas y, con posterioridad, la escenografía se transforma y una inmensa pantalla nos traslada a parajes distintos, y a personajes cotidianos. Destaca, asimismo, el elegante vestuario de Dolors Caminal, inspirado en Velázquez.

Este montaje, fiel a los postulados de esta compañía, representa una crítica mordaz de la sociedad de su tiempo. Quizá sus obras se apoyan excesivamente, según mi opinión, en el momento presente en los que se llevan a cabo, perdiendo, al cabo del tiempo o de las circunstancias sociales y políticas, parte de referencia para la que fueron realizados. Están excesivamente pegados a las circunstancias concretas, con lo que „envejecen“ mal, perdiendo la vigencia y objetivos con los que fueron concebidos.

Carmen de las Peñas

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Dirección: Albert Boadella
Compañía: Els Joglars
Lugar: Teatro Albéniz. Madrid
Desde el 18 de noviembre 2004 al 9 de enero de 2005.

El retablo de las maravillas [Regie und Adaptation: Albert Boadella nach einem "Entremes" von Miguel de Cervantes]

2004

Von dem Abend im Madrider Albeñiz habe ich lebhafter meine Zuschauersituation in Erinnerung als das Stück selbst. Mein Schwager, meine Frau, meine Tochter und ich sahen “El Retablo…” sozusagen aus der Vogelperspektive. Und jeder, dem Höhenangst nicht ganz fremd ist, weiß, was das bedeutet.
“El Retablo…” variiert ein Thema, das an das Märchen “Des Königs neue Kleider” erinnert. Der katalonische Dramaturg Albert Boadella adaptiert das ursprünglich vom Autor des “Don Quijote” stammende “Zwischenspiel” nun so, dass er in fünf Szenen dessen Poesie “verhackstückelt” und nicht nur die höfische Gesellschaft durch den Kakao zieht, sondern auch die Gastronomie, die Kunst, die Politik und die Religion.

Wenn das Stück selbst mich auch nicht begeistert hat, so bemerke ich in der nachträglichen Reflexion darüber, dass Boadella mit “El Retablo…” ein richtiges Kunststück vorlegt, dessen Kern kurioserweise die vermeintliche “Verhackstückelung der Poesie” im Sinne ihrer Zerstörung ist. Und wie zerstört man Poesie? Große Chancen hat man, indem man sie versprachlicht, erklärt oder “zerredet”. Auch ein erklärter Witz ist zwar noch ein Witz, er ist aber nicht mehr lustig.

Boadella “erklärt” Cervantes dadurch, dass in seiner Version Menschen des aktuellen Zeitgeschehens auftreten: der bekannte katalonische Koch Ferrán Adriá, der bekannte Gründer des Opus Dei Monseñor Escrivá de Balaguer und der bekannte Ex-Präsident Felipe González. Und erst mit diesen aktuellen Personen erreicht Boadella wieder die Ebene von Miguel de Cervantes, der sich Anfang des 17. Jahrundert auch nur über die damalige höfische Gesellschaft lustig machen konnte, indem er sich weniger um die “Poesie” und mehr um die Aktualität kümmerte.

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Das von Albert Boadella inszenierte Stück ist dessen Überarbeitung eines “theatralischen Zwischenspiels” von Miguel de Cervantes vom Anfang des 17. Jahrhunderts. Gesehen habe ich es am 27.12.2004 im Madrider Theater Albeñiz.

Melinda and Melinda [Woody Allen; 2004]

2004

Ich habe, soweit ich mich errinern kann, seit Jahren keinen Film mehr von Woody Allen gesehen. Dass ich aber immer mal wieder einen Film von Allen angeschaut habe, hängt letztlich mit der Ausstrahlung seines Meisterwerks zusammen: Annie Hall, der in Deutschland unter dem Titel “Der Stadtneurotiker” lief. Damit will ich aber nicht sagen, dass seine Filme einfallslos sind oder gar schlecht.

Auch “Melinda and Melinda” ist weder schlecht noch einfallslos. Ganz im Gegenteil. Woody Allen zeigt in diesem Film, dass er sein Handwerk in vielerlei Hinsicht meisterhaft versteht.

Vier Freunde sitzen in einem gemütlichen Restaurant beisammen und unterhalten sich angeregt und interessiert über die Geschichten, die das Leben schreibt. Ist das Leben eine Tragödie, ist es eine Kommödie? Ist die Geschichte von Melinda, die eines Abends plötzlich vor der Tür ihrer Freundin steht, komisch oder tragisch? “Melinda and Melinda” entscheidet sich nicht, sondern führt beide Versionen vor.
Melinda wird in beiden Versionen – in der tragischen und in der komischen – von derselben Schauspielerin gespielt, während die Besetzung der anderen Rollen wechselt. Jede Version hat ihre Schauspieler, die im Sinne der Erzählweise anders charakterisiert sind. Woody Allen entwickelt in seinem Film neben der “Rahmenhandlung” der Freunde im Restaurant, zwei unabhängige Handlungsstränge, die Melindas Geschichte interpretieren: Melinda Kommödie und Melinda Tragödie.

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Einen Film aus verschiedenen Sichtweisen zu schildern ist nicht ungewohnt. Verschiedene Sichtweisen aber als bloße Möglichkeiten zu präsentieren, scheint mir problematisch, denn Film ergreift uns nicht dadurch, dass er über Möglichkeiten “theoretisiert”, sondern Wirklichkeiten vorführt. Auch in diesem Zusammenhang ähnelt der Film dem Traum, der uns im Schlaf alles andere als “verträumt” daher kommt.

“Melinda and Melinda” ist “an sich” wohl ein guter Film. Wie viele andere Filme Woody Allens ist er “für mich” ganz interessant, aber nicht mehr – bis auf eine Ausnahme: Radha Mitchell in der Rolle der Melinda.

“Melinda and Melinda” lief am 27.12.2004 im Madrider Kino “Renoir Princesa” in originaler Fassung mit spanischen Untertiteln. Der Filmstart ist in Deutschland für den 25.4.2005 angekündig

Die große Verführung [Jean-Francois Pouliot; 2003]

2004

Ein Fischerdorf irgendwo an der kanadischen Ostküste. Die knapp 150 Einwohner leben von der Sozialhilfe und sind nicht besonders glücklich dabei. Den Scheck, den sie regelmäßig im Postamt bei der schönen Eve [Lucie Laurier] abholen empfinden sie als eine genauso regelmäßige Erniedrigung.
Die mögliche Ansiedlung einer Fabrik lässt das Dorf hoffen, obwohl es eine scheinbar unerfüllbare Bedingung gibt: das Dorf muss einen Arzt haben. Und um den zu bekommen, legen sich die Menschen in Sainte-Marie-La-Mauderne nochmal richtig ins Zeug.
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Mit Hilfe einer telefonischen Abhöraktion versuchen die Dorfbewohner die Vorlieben des Artzes zu kennen und sich im besten Licht darauf einzustellen. Sie hassen Cricket, tun aber alles, um dem Cricket begeisterten Arzt [David Boutin] ihre Liebe zum Cricket zu zeigen.
“Die große Verführung” ist ein Märchen, das gut in die Weihnachtszeit passt. Seine Darsteller und Darstellerinnen sind sympathisch. Die mitunter sehr witzigen Stellen des Films entschuldigen die Einfachheit der Geschichte und deren Voraussagbarkeit.

“Die große Verführung” lief am 17.12.2004 im Stuttgarter Kino “Atelier am Bollwerk” in deutscher synchronisierter Fassung.

Die fetten Jahre sind vorbei [Hans Weingartner; 2004]

2004

Peter [Stipe Erceg] und Jan [Daniel Brühl] sind Freunde. Revolutionäre. Anarchisten. Aus seiner Zeit als Installateur von Alarmanlagen hat Peter eine Liste mit Berliner Villen, in die die beiden nun nachts eingsteigen. Sie erschrecken niemanden, sie lassen nichts mitgehen, sie machen nichts kaputt. Sie ordnen nur das Intereur um. Sie stellen die Stereoanlage in den Kühlschrank und türmen Stühle und Sessel auf dem Couchtisch auf. Dann verschwinden Sie wieder. Was sie hinterlassen ist eine Nachricht, in der es heißt: Die fetten Jahre sind vorbei.
Jule [Julia Jentsch] ist Peters Freundin. Sie arbeitet als Kellnerin in einem Nobelrestaurant. Sie hat sehr hohe Schulden, denn bei einem Unfall hat sie mit ihrem unversicherten Auto einem “reichen Wichser” namens Hardenberg den Benz zu Schrott gefahren, einen Benz, den “der sich mit dem Geld aus der Portokasse gekauft hat”.

Als Jan Jule bei der Wohnungsrenovierung hilft, kommen sich die beiden näher. Jan erzählt Jule von seinen nächtlichen Ausflügen mit Peter, und als die beiden durch einen Zufall die Villa des “reichen Wichsers” Hardenberg entdecken, läßt Jan sich von Jule überreden, dieser Villa mit ihr einen “revolutionären Besuch” abzustatten. Als plötzlich Hardenberg [Burghard Klaußner] vor ihnen steht, haben Jule, Jan und Peter ein großes Problem.

“Die fetten Jahre sind vorbei” ist “objektiv” ein schlechter Film.
Die mit zwei Videokameras aufgenommenen Bilder sind auch aufgrund es Verzichts auf professionelle Beleuchter in Szenen mit wenig Licht wenig mehr als erträglich. Auf den Einsatz von Stativen wurde weitgehend verzichtet, was die Qualität der Bilder sicherlich nicht steigerte. Jentsch, Erceg und Brühl sind erfahrene Schauspiele; die eine oder andere Regieanweisung bezüglich Sprechweise und Bewegung hätte allen Dreien aber durchaus gut getan: Bewegungen und Dialoge wirken häufig etwas dürftig.

Wie man ohne starke Regie überzeugend eine Rolle spielt, zeigt allein Burghard Klaußner in der Rolle des Entführten.

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Warum als Autoren des Drehbuchs nur Katharina Held und Hans Weingartner genannt werden, mag gängige Filmpraxis sein, sollte aber nicht vergessen lassen, dass Julia Jentsch, Stipe Erceg und Daniel Brühl durch ihre durchaus auch sehr gelungenen Improvisationsfähigkeiten maßgeblich zur Ausgestaltung der Story und damit zum Drehbuch beigetragen haben.

“Die fetten Jahre…” mag “objektiv” ein schlechter Film sein, aber Objektivität und Film passen nun gar nicht zusammen. Und jede Kritik, die das Subjekt vergisst, bleibt hohl.

In diesem Sinn ist das Werk von Hans Weingartner einer der besten Filme, die ich in letzter Zeit gesehen habe.

Die ungepflegten Typen und deren nihilistisch-revolutionäre Faseleien von “reichen Wichsern”, “Fernsehverblödung” und “kapitalischen Systemen” brachten mich anfangs in eine Anspannung, in der mit allem zu rechnen war.

Es bleibt lange unklar, wohin der Film überhaupt will. Will er was sagen, will er nichts sagen, will er die Menschen vor der Leinwand oder will der die Typen hinter der Leinwand kritisieren. Sind die gut oder sind die böse? Im Ernst oder aus Spaß?

In dieser Spannung war mit allem zu rechnen. Schmeißen Jule und Jan ihre Bierflasche vom Hochhaus runter auf eine belebte Straße und meinen das wäre ein revolutionärer Akt? Macht Jule ihre Wut an den verwöhnten Gästen ihres Lokals durch einen Amoklauf Luft?

Und dann steht Hardenberg plötzlich da. Geht auf Jule los, die ihm “irgendwie bekannt vorkommt” und wird von Jan niedergeschlagen. Was passiert? Was könnte passieren?

Jule hat einen Onkel. Der hat eine Berghütte in Tirol. Dort fahren sie hin. Peter begreift nicht, wie Jan Jule hat da rein ziehen können. Jan ist reumütig, weiß, dass er etwas falsch gemacht hat. Aber vor allem gibt es jetzt kein Zurück mehr. Hardenberg ist den Dreien ausgeliefert.

Je weiter der Film fortschreitet, umso stimmiger wird er. Und je näher das Ende kommt, desto näher kommt auch der Anfang.

Und die Kritik von Einstellungen, Dialogen, Bewegungen, Regieanweisungen, Drehbuch, Improvisationen ist, was es ist: Gefasel.

“Die fetten Jahre sind vorbei” lief am 29.11.2004 im Stuttgarter Kino “Delphy”. Sehr schön die Website zum Film, von der auch die Bilder stammen.

Jenseits von Afrika [Sydney Pollack;1985]

2004

Ich meine mich an ein Interview mit Sydney Pollack zu erinnern, in dem dieser sagte, dass “Jenseits …” ein Film für Erwachsene sein sollte. Und das ist, glaube ich, der Grund, warum ich den Film so mag.
Die Geschichte basiert auf Erlebnissen der dänischen Schriftstellerin Tania Blixen (Pseuchnym Isaac Dinesen). Als Vorlage gedient haben, folgt man dem Dirk Jasper Filmlexikon, auch Romane von Judith Thurman und Errol Trzebinski.

Tief berührt haben mich u.a. folgende Szenen:

Denys Finch Hatton (alias Robert Redfort) kommt bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Er wird auf einer Anhöhe beerdigt. Während der Beerdigungszeremonie liest Tania Blixen (alias Meryl Streep) ein Gedicht. Als sie fertig ist, nimmt sie Erde in die rechte Hand, um sie ins offene Grab auf den Sarg ihres Geliebten zu werfen. Sie zögert, zittert ein wenig, hält inne, wirft die Erde nichts ins Grab, nimmt sie an sich und wendet sich weinend ab.

Die Kaffeeplantage ist zerstört. Es gibt keine Möglichkeit mehr, weiterzumachen. Sie hat zuviel Geld verloren. Die Kamera zeigt Bilder der Plantage, der Menschen, der Farm, und im Off spricht Tania Blixen. Sie sagt, dass sie viel von den Menschen hier gelernt hat, dass die Zeit wichtig für sie war, dass Afrika ein Teil von ihr geworden ist und fragt, ob sie auch ein Teil von den Menschen geworden ist. “Werden die Kinder einmal ein Spiel spielen, in dem mein Name vorkommt….?”

Zu Anfang des Films, als Tania Blixen etwas hilflos in Afrika ankommt, läuft sie auf der Suche nach einer Ansprechperson in den an ein Café erinnernden Raum eines Männern vorbehaltenen Privatclubs. Alle verstummen, als sie den Raum betritt. Schweigen. Mit einem Blick weist einer der Herren den indischstämmigen Kellner an, die Frau sofort zum Verlassen des Raumes aufzufordern.Tania Blixen weiß nicht, was sie falsch gemacht hat, hat ihre Frage, die unbeantwortet bleibt, noch auf den Lippen und läßt sich hinausführen. Sie scheint nicht zu verstehen, dass das Bewahren von Formen wichtiger als alles anders sein kann. Am Ende des Films, wiederholt sich diese Situation. Tania Blixen will sich von jemandem aus dem Club verabschieden. Den Raum will sie nicht betreten. Sie scheint mit dem Verlust ihrer Farm auch ihr Selbstvertrauen verloren zu haben. In Anerkennung ihrer Person wird sie nun aber in den Raum gebeten. Und man stößt auf sie an.

Denys Finch Hatton hat soeben das Flugzeug, mit dem er später tödlich abstürzt, bekommen. Er lädt Tania Blixen zu einem Flug ein. Sie fliegen über die weiten Landschaften Afrikas, die Wälder, die Täler, die Tiere. Irgendwann fliegt das Flugzeug über einen See hinweg, in dem zahlreiche Flamingos aufgescheucht werden.

So ist das beim Film: Versteht der Zuschauer den Film, fühlt sich der Zuschauer verstanden.

Die DVD “Jenseits von Afrika” habe ich zu meinem Geburtstag bekommen. Ich hatte irgendwann einmal erwähnt, dass dieser Film einer meiner Lieblingsfilme ist.

Just a Kiss [Ken Loach;2003]

2004

Zwei junge Menschen in Schottland: Roisin [Eva Birthistle] und Casim [Atta Yaqub]. Sie ist irischer Abstammung, seine Eltern kommen aus Pakistan.
Sie verlieben sich.

Sie bekommt Probleme in ihrem Beruf als Lehrerin an einer katholischen Schule, er bekommt Probleme mit seiner moslemischen Familie.

Eine einfache Geschichte, über die es nicht viel zu sagen gibt.

“Just a Kiss” ist nicht das Meisterwerk von Ken Loach. Dafür ist der Film zu undramatisch. Aber seine fehlende Dramatik macht den Film nicht ärmer, sie scheint zu ihm zu gehören und eine seiner Qualitäten auszumachen. Hätte Ken Loach die Geschichte dramatischer gestalten wollen, hätte er dies getan. “Just a Kiss” ist aber vor allem eine Liebesgeschichte.
Die religiösen und soziale Bezüge der beiden Protagonisten bilden den Hintergrund der Liebe, die Roisin und Casim für einander empfinden. Ken Loach ist bemüht, die Liebenden nicht im Hintergrund verschwinden zu lassen. Er zeigt keine Helden, sondern Personen.

Der Film ist aber vor allem kein Meisterwerk, weil sein Drehbuch etwas zu vorhersehbar ist und seine Schauspieler ihren Rollen nur dank des guten Willens der Zuschauer überzeugen, die für ihn aufgrund ihrer Schönheit und ihres Charmes Sympathieträger sind. Das gilt vor allem für die erfahrene Eva Birthistle in der Rolle der Roisin und für den “Neuling” Atta Yaqub als Casim.

“Just a Kiss” lief am 28.11.2004 in synchronisierter Fassung im Stuttgarter Kino “Delphy”.

Die Hose [Staatstheater Stuttgart, Regie Volker Loesch]

2004

Theobald und Luise sind seit kurzer Zeit verheiratet. Weil sie sich ein Kind noch nicht leisten können, sind die sexuellen Begegnungen von Theobald und Luise vor allem sexuelle Hand-lungen, die Luise ohne eigene Lust an Theobald verrichtet. Luise schmachtet. Als sie bei einer Parade in aller Öffentlichkeit ihre Unterhose verliert, ändert sich alles. Es präsentieren sich lüsternde Verehrer, die die zur Untermiete angebotenen Zimmerchen beziehen. Während die finanzielle Situation von Theobald und Luise sich bessert, bleiben Luises sexuelle Bedurfnisse weiter unbefriedigt.

Das Lustspiel “Die Hose” stammt von dem 1878 geborenen Carl Sternheim. Sternheim gehört zu den bedeutendsten und meist gespielten Autoren des deutschen Expressionismus. “Die Hose” wurde 1911 unter dem Titel “Der Riese” uraufgeführt. Der Uraufführung voraus ging ein Polizeiverbot “aus Gründen der Sittlichkeit”.

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Die Presseabteilung des Staatstheaters schreibt zu Löschs Regiearbeit, dass diese sich oft mit der Dramatik des deutschen Expressionismus beschäftigt und dessen theatralische und sprachliche Kraft benutzt, um provokante Modelle bürgerlichen Selbstverständnisses zu entwerfen.

Volker Lösch inszeniert das Stück vor allem mit Blick auf das Höschen von Luise, die dieses im Verlauf der Aufführung mehrmals an- und auszieht. Das “geschickt” geknöpfte Kleid der Hauptdarstellerin reduziert jede Provokaktion des bürgerlichen Selbstverständnisses auf die Frage: hat sie jetzt ein Höschen an oder nicht. (Eine Frage, die aus Reihe 23, Platz 7 nicht zu beantworten war)

Die Aufführung war für mich nun weder provokativ noch kraftvoll. Wahrscheinlich lag das aber daran, dass “Die Hose” sich gar nicht an mich richtete, sondern an meine Bekannte, die mir ihren Abositzplatz aufgrund Unwohlseins überlassen hatte (?).

Das von Carl Sternheim geschriebene und von Volker Lösch inszenierte Stück “Die Hose” wurde am 15.11.2004 vom Staatstheater Stuttgart im Rahmen des Montagsabos aufgeführt.

Die Stunde da wir nichts voneinander wußten [Theater Schräglage unter Leitung von Eberhard Boeck]

2004

Von Claus Peymann 1992 am Wiener Burgtheater uraufgeführt, ist das von Peter Handke stammende Stück “Die Stunde da wir nichts voneinander wußten” für das “Theater Schräglage” ein harter Brocken.
Doch eins nach dem Anderen.

Die für die Bühne verantwortliche Valentine Koppenhöfer verwendet Baugerüste für die mehrebige Hauptbühne und die beiden, im Zuschauerraum befindlichen Nebenbühnen. Im Bühnenbild der Hauptbühne deuten drei herabhängende, grobmaschige, weiße Stoffbahnen einen Hintergrund an. Die reichlich zum Einsatz kommenden Umkleidebereiche und Bühne gehen fließend in einander über. Ähnlich fließend ist der Übergang vom Bühnenbild zum Licht, für das Andreas Zimmermann verantwortlich ist. Zum Einsatz kommen in Höhe der Schauspieler senkrecht und, weiter oben, waagerecht angebrachte Leuchtstoffröhren (Hauptbühne) und Scheinwerfer.

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Das Zentrum von “Die Stunde…” ist ein städtischer Platz. Er ist der räumliche und zeitliche Rahmen für mehr als 300 Rollen mit einer für Komparsen typischen Charakterisierung. Während aber das Betätigunsfeld des typischen Komparsen der Hintergrund ist, stößt “Die Stunde…” ihre Komparsen in den Vordergrund und baut auf ihnen das gesamte Geschehen auf. Handke greift hierbei zu einer doppelten Abstraktion: er löst das Theatergeschehen nicht nur aus der Realität, er löst deren Handlungsträger zusätzlich aus dem Theatergeschehen heraus. Statt eine Geschichte zu “theatralisieren”, nimmt “Die Stunde…” seinen Protagonisten die traditionellen Erzählstruktur und führt sie vor, roh, beziehungslos, auf sich gestellt. Eine Anforderung an Schauspieler und Regisseur, wie kaum schwieriger vorstellbar ist. Handke konstruiert eine Art Kartenhaus, das im Wiener Burgtheater eine gewisse Höhe erreicht haben mag, mit dem das “Theater Schräglage” und dessen Regisseur aber überfordert sind. Und das liegt nicht nur an der mäßigen Akkustik, der Bühnenkonstruktion mit den lauten, zum Teil stark nachgebenden Bohlenbrettern und der immer gleichen, akzentlosen Beleuchtung.

Unbestritten, dass es eine ganze Reihe von Momenten gibt, die durchaus sehenswert, glaubwürdig und unterhaltend sind. Die Arbeit von Maria-Deborah Wolf als Platznärrin – übrigens die einzige durchgehendere Rolle – war überzeugend. Robert Atzlinger ist gut als “örtlicher Geschäftsmann”, als Chef des “Bahnarbeitertrupps” und als “Breitbeiniger mit der Statur eines Platzherrn” – hier ist übrigens auch das Zusammenspiel mit der Platznärrin sehr schön. Dominik Glaubitz hat mit “Moses, vom Sinai zurückkehrend” eine der stärksten Szenen im Stück und ist bei dem Monolog mit den “kontrolliert gestammelten Tiernamen” mehr als erwähnenswert. Lorenzo Patané macht sich gut als “Hausmeister” und “Verfolgter, der seinen Verfolgern entwischt” (siehe Foto oben).

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Bei mehr als 40 Rollen hatte jeder der Schauspieler und Schauspielerinnen die eine oder andere gute Rolle. Die Herausforderung von “Die Stunde…” war aber eine andere. Es galt in und mit allen Rollen zu überzeugen und dies weniger in einer bloßen Aneinanderreihung von Figuren, als innerhalb eines auf Spannung angelegten, sich entwickelnden Theaterstücks.

Die infinitive und gerundiale sehr abstrakt wirkende Sprache mit ihren vielen Bezügen zu Tierlauten, Natur- und Stadtgeräuschen machte den Abend etwas erträglicher.

Alles in Allem eine wenig kraftvolle und von Eberhard Boeck etwas lieblos inszenierte Darbietung, die mit über 90 Minuten viel zu lang war.

Auch das Publikum war von der Aufführung nicht begeistert. Es applaudierte respektvoll, aber nicht überschwenglich.

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Das von Peter Handke geschriebene und von Theater Schräglage gespielte Stück “Die Stunde da wir nichts voneinander wußten” hatte am 12.11.2004 in der Stuttgarter “Wagenhalle” Premiere.

Agnes und seine Brüder [Oskar Roehler;2004]

2004

Drei Brüder: der “Transvestit” Agnes [Martin Weiß], der “Onanist” Hans-Jörg [Moritz Bleibtreu] und Werner [Herbert Knaup], der Staatsekretär im Umweltministerium. Der Vater [Vadim Glowna]: ein wohlhabender Althippie. Die Mutter: nach den Erzählungen des alkoholisierten Vaters in Stammheim gestorben, “weil ihr ein Gefängniswärter mit einem Feuerlöscher das Gesicht zertrümmert hat.”
Agnes wird von ihrem Freund Rudi [Oliver Korittke] vor die Tür gesetzt, findet bald aber eine neue Bleibe. Sie trifft auf ihre alte Liebe Henry, einem erfolgreichen Musiker aus New York. Beide empfinden immernoch etwas für einander, Agnes brennt nicht mit ihm durch, vielleicht weil sie weiß, dass sie sehr krank ist.

Hans-Jörg [Moritz Bleibtreu] ist Bibliothekar, “sexsüchtig” und ohne Chance bei den vielen Studentinnen der Uni-Bibliothek; entweder ignorieren diese ihn, machen sich über ihn lustig oder nutzen ihn aus. Hans-Jörg verschafft sich Erleichterung u.a. als Voyeur auf dem Damenklo. Die Schuld für die Probleme mit sich und den Frauen gibt Hans-Jörg seinem Vater. Gegenüber seinen Brüdern wirft er diesem sexuellen Missbrauch vor.

Werner ist bei den Grünen. Er verrichtet, als er mit “Joschka” telefoniert, auf einen Bogen Papier, den er sich entsprechend zurecht legt, seine Notdurft. Er wird dabei von seinem Sohn Ralf, der Filmemacher werden will, gefilmt. Werner ist im Beruf erfolgreich, zu Hause ist er es nicht. Sein bester Freund ist sein Hund. Sein Verhältnis zu seinem Sohn Ralf ist durch dessen intensive Beziehung zu seiner Mutter gestört. Seine Frau hat das (sexuelle) Interesse an ihrem Mann verloren, weil er “Grillwürste kauft, die keiner isst” und “weil er morgens seine Sekrete bei unabgeschlossener Klotür ausdrückt”.

“Agnes und seine Brüder” ist der schlechteste Film, den ich in letzter Zeit gesehen habe. Was vor allem an der Regie und am Drehbuch liegt. Für Beides ist Oskar Roehler verantwortlich, der mit “Agnes..” ein ganz und gar unreifes Werk abliefert, in dem überzeichnete Personen den Mangel an Erzählvermögen auszugleichen versuchen.

Der Film beginnt mit einem Film. Agnes erzählt von ihrem Vater. Ein Dokumentarfilm über Agnes? Die filmende Dame ist die Dame, bei der Agnes später wohnt? An keiner Stelle erfahren wir, was es denn mit dem Dokumentarfilm auf sich hat.

Die vor allem von mittelständischen Unternehmen warmgehaltetene Diskussion um das Dosenpfand ist Roehler so wichtig, dass er sie zum zentralen Thema der beruflichen Tätigkeit von Werner, dem grünen Staatssekretär, macht. Um zu zeigen?

Es ist nicht erzählenswert weil voraussagbar, dass der “sexsüchtige” Hans-Jörg [Moritz Bleibtreu] sowohl beim Spannen erwischt wird als auch in einem Pornofilm mitspielt und im entscheidenden Moment keine Ejakulation hat. Und die nach Art einer Therapiegruppe gestalteten Treffen der “Sexsüchtigen”, für die Oskar Roehler nichts als Klischees und billige Lacher übrig hat?

Und der schwule (?) Diener des Vaters? Am Anfang sitzen Werner und Agnes mit Ihrem Vater [Vadim Glowna] draußen am Kaffeetisch. Heinz, der Diener [Ralph Herforth] , teilt Kuchen aus und fängt plötzlich an zu weinen. Es ist der Geruch des Kuchens, entschuldigt bitte, sagt er. Die Szene ist witzig, hätte aber auch in eine Show von Dieter Hallervorden gepasst.
Agnes [Martin Weiß] wäre alleine einen ganzen Film Wert gewesen. Sie steht aber, wie der Titel vermuten ließe, noch nicht einmal im Zentrum des Films, der mehr als die Leistung seiner Schauspieler nicht zu bieten hat.

“Agnes uns seine Brüder” lief am 2.11.2004 im Stuttgarter Kino Delphi.

Rhythm Is It [Thomas Grube, Enrique Sánchez Lansch;2004]

2004

“Rhythm is it” ist ein Dokumentarfilm. Er begleitet die Proben zu einer Aufführung von Igor Stravinskys “Sacre de Printemps” (Frühlingsopfer), bei der die Berliner Philharmoniker unter Leitung von Sir Simon Rattle auf 250 Schülerinnen und Schüler verschiendener Berliner Schulen treffen. Dabei schenkt der Film den Anstrengungen der tänzerisch und musikalisch ungeformten Kinder und Jugendlichen, die von einem Team um den englischen Choreografen Royston Maldoom angeleitet werden, mehr Aufmerksamkeit, als den Orchesterproben der Berufsmusiker. “Rhythm is it” möchte zeigen, dass von künstlerischer Erfahrung wichtige Impulse für heranwachsende Menschen ausgehen können; besonders wichtig ist ihm die Infragestellung des vermeindlichen Widerspruchs zwischen “niedrigem” Sozialstatus und “hoher” Kunst.

Film ist Filmerleben und Filmerinnern. Bei guten Filmen lebt das Filmerleben im Filmerinnern fort. Schlechte Filme verblassen in der Erinnerung sehr schnell.”Rhythm is it” ist kein schlechter Film, aber die Erinnerung an ihn läßt ihn in einem etwas anderen Licht erscheinen.

Bei “Rhythm is it” hängt das mit der einem Naturspektakel ähnelnden Musik von “Sacre de Printemps” zusammen, deren filmisches Potenzial jeden Dokumentarfilm erdrücken muss. Diesem Umstand erliegen auch die Regisseure Thomas Grube und Enrique Sánchez Lansch. So muss der Film vor allem da scheitern, wo man seinen Höhepunkt erwartet hätte: bei der Premiere. Die Nahaufnahmen und Schnittwechsel bemühen sich um Ausdruck und Dynamik, erreichen diese aber nicht, weil ihnen die Musik “im Weg steht”.

Stark, interessant und mitunter sogar ergreifend ist “Rhythm is it” an den Stellen, wo die Musik im Hintergrund bleibt und der Film sich einfühlsam mit seinen Akteuren befasst. Das sind einerseits die Schülerin Marie (14 Jahre) und die Schüler Martin (19) und Olayinka (16) und andererseits die Choreografen Royston Maldoom und Susannah Broughton und der Dirigent Sir Simon Rattle. Während jene beispielhaft für die Gruppe der Laientänzer stehen, personifizieren Maldoom und Rattle die sozial engagierten Berufskünstler. Und die Biographien beider Gruppen sind, so will uns der Film zeigen, so verschieden nicht: Simon Rattle und Martin teilen den Charakterzug des Sonderlings; Olayinka und Royston Maldoom sind – wenn auch auf ganz verschiene Art – Tanznaturen; Susannah Broughton und Marie zeichnet ihr Ehrgeiz aus.
“Rhythm is it” ist dort am schwächsten, wo er durch das, was er will, “gewollt” wirkt. Der pädagogische

[Simon Rattle, Ryston Maldoon, Susannah Broughton]
Anspruch des Films ist besonders da altväterlich, wo er pädagogisiert, wo er Disziplin so wichtig macht, wo er zeigt, wie man es nicht macht, wo er Einzelnen sagt, dass sie es so ganz bestimmt nicht schaffen. Der Film ist dort am stärksten, wo er persönlich und unprätenziös ist. Wo er zeigt, dass es sich lohnt, sich auf etwas einzulassen. Dass man ist, wie man ist und dass man auch mal anders sein kann. Und dass sich manche Anstrengung lohnt.

“Dass es sich lohnt ein Opfer zu bringen, damit es Frühling wird.”

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Der Dokumentarfilm “Rhythm is it” lief am 27.10.2004 in originaler Fassung mit Untertiteln im Stuttgarter “Atelier am Bollwerk”.

Land of Plenty [Wim Wenders;2004]

2004

Welche Bedeutung haben die Dinge, die wir wahrnehmen?
Seit 9-11 und dem entsetzten Ausruf des US-Präsidenten: „We are under attac“ haben zum Beispiel Turbane, Reisetaschen und Nationalflaggen in den USA eine ganz andere Bedeutung. So wie bei uns ein links und rechts auf Nasenbreite beschnittener Unterlippenbart und markige Worte seit dem Zweiten Weltkrieg einen Unterschied machen.

Wie man darüber spricht und denkt hat so große Bedeutung, daß sich Lager bilden, die dem überwunden geglaubten Nationalismus unter dem Deckmantel eines Euphemismus namens „Heimatschutz“ zu einer neuen Renaissance verhelfen.

Es gibt sowohl in Deutschland als auch in Amerika relativ wenige Künstler, die die krankhaften und faschistoiden Tendenzen innerhalb dieser normal-werden-wollenden Alltags-Hysterie zum Thema gemacht haben. Gegen eine intensive geheimpolizeiliche Bekämpfung des Terrorismus soll hier nicht gesprochen werden.
Um etwas zum Thema Bedeutung beizusteuern, könnte man sagen, es geht um die Entwicklung demokratischer Sitten, ja auch um die Wahrung schmerzhaft weise gewordener Rechtsstaatlichkeit. Dann fällt einem natürlich Hannah Arendts reden über die Bedeutung der Privatheit und des öffentlichen Lebens ein. Man könnte auch sagen, die Beförderung von Angst untergräbt Demokratie und befördert die Unterordnung unter pathetische Phrasen und die dem folgende Herrschaftsform ist Faschismus.

Michael Moore ist lustig und schlau, aber er benutzt Information ebenfalls als Spielball, nur für seine Gegenpropaganda, der scheinbar zu den ‘Guten’ gehörenden Seite. Da ist Vorsicht geboten. Es bleibt Propaganda und damit haben wir verdammt schlechte Erfahrungen gemacht.
Also sind tatsächlich seither die US-Amerikaner „under attac“.
Man kann sich fragen, welche Bedeutung das 1932 erschienene Buch „Schöne neue Welt“ hat, in der das „Big brother is watching you“ Schauervorstellung und Warnung zugleich ist.
Dies ist meine These: Zuallererst wird US-Amerika von hirnvernebelnder Propaganda attakiert und in seinen freiheitlichen Grundfesten gefährdet. Das macht Sorge.

Wim Wenders, der in Los Angeles und Berlin lebende Filmregisseur, hat nun mit „Land of Plenty“ innerhalb von nur 16 Tagen einen Film gedreht, der das veränderte Lebensgefühl und das Sicherheitsempfinden im Alltag thematisiert.

Zuerst sei gesagt, ich halte diesen Film für eine Skizze, ein Statement, nicht für ein Sittengemälde und nicht für einen Roman. Ich erwarte von einem mit der Handycam gedrehten Film kein durchgestiltes Epos. Aber ich halte diesen aus meiner Sicht sehr politischen Film für das Beste, was zu diesem Thema derart nah an die amerikanischen Befindlichkeiten herankommt. Es wird, wie sonst üblich, kein Luxusleben gezeigt, sondern die Kehrseite des großen Mythos, den die USA von sich selber gerne verbreitet wissen will.

Ein hartgesottender Vietnam-Veteran (Paul) mit kantigem Asphalt-Cowboy-Gesicht verbringt seine Zeit in einem mit Kameras, Bildschirmen und Richtmikrophonen vollgestopften Kleinbus, mit dem er durch L.A. fährt. Auf dem Kopf trägt er einen aus Mikrophon und Kopfhörer bestehenden Headset, mit dessen Hilfe er alles, was er sieht, kommentiert und penibel mit Zeit- und Ortsangabe versieht.
Er interpretiert seine Wahrnehmungen nach Aspekten der öffentlichen Sicherheit und ist mit dem Schutz der amerikanischen Öffentlichkeit vor dem offenbar überall lauernden Terrorismus befaßt. Scheinbar unsichtbar für Fußgänger, Autofahrer und Verkehrsteilnehmer – wie ein Engel – nimmt er Risiken wahr oder bemerkt verdächtige Bewegungen

Gleichzeitig kommt ein junges Mädchen (Lana) mit dem Flugzeug aus Israel in ihrer alten Heimat Los Angeles an. Sie sucht den einzigen Verwandten, den sie nach dem Tod ihrer Mutter noch hat, den Bruder ihrer Mutter. Lana wird am Flughafen vom Chef einer christlichen Mission abgeholt. Auf dem Weg zur Mission wechseln die Bilder von L.A. zwischen hypermoderner glatter Hochhausarchitektur und Straßenszene Verwahrloster. Das Mädchen arbeitet in der Mission mit den Obdachlosen und sucht in ihrer Freizeit ihren Onkel, bzw. wechselt Emails mit Freunden, mit denen sie im vom Terror geschüttelten Israel eine Jugend teilt.
Dieses junge Mädchen wird als überzeugte Christin gezeigt, die ihre Verwirrung in der für sie neuen Lebenssituation durch Gebet zu meistern versucht. Wenders zeigt eine wirklich junge Frau, die offen und ungeformt ist. Sie unterscheidet sich von den bereits aalglatten und langweiligen Überzüchtungen, die sonst üblich unsere Sinne verkleistern. Allerdings mag verwirren, das die junge Frau in ihrer Unschuld tatsächlich etwas Heiliges umgibt.
Paul, der hartgesottene Vietnam-Veteran, wird von einem Werkstattmechaniker unterstützt, der für Paul Recherche-Aufträge erfüllt und z.B. chemische Analysen von vermeintlich vergifteten Trinkwassers erstellt; weil doch schließlich Terroristen das Trinkwasser jederzeit nutzen könnten, um die Amerikaner “under attac” zu halten. Für Paul, der von seinem Mechaniker “Seargeant” genannte wird, sind die Vietkong überall, sie sind das Ur-Trauma, dessen Fortsetzung nun arabisch spricht.

Dadurch ist der Gegensatz des Filmes markiert.
Der paranoide hysterische Paul und die marienhafte Lana. Beide haben sich noch nicht gefunden, beide sehen die Wirklichkeit von L.A. mit anderen Augen. Beide scheinen unterschiedliche Erfahrungen mit Terror zu haben.

Paul zitiert fortwährend Kriegserlebnisse aus Vietnam. Lana spricht über Liebe – und beiläufig, aber mit differenziertem Mitgefühl, wird über neuerliche Anschläge und Palästinenser-Unruhen in Israel berichtet.
Paul sieht in den Straßen von L.A. den Terror lauern. Lana sieht gestrandete Existenzen, die Hunger haben.
Als sie zusammen kommen, treffen Welten aufeinander. Zwischen dem jugendliche Naivchen und der kriegserfahrene Terror-Profi entstehen zwangsläufig Mißverständnisse.

Die Verwirrung wird noch gesteigert, als ein von Paul verfolgter verdächtiger „Araber“, der als Obdachloser in einem Karton in der Nähe der Mission lebt, erschossen wird. Gleichzeitig gibt es jetzt offenbar einen Grund, sich die Unterschiede klar zu machen.
Lana erweist sich als willensstark. Sie ist es nun, die Paul immer mindestens einen Schritt voraus ist und zwar durch ihre ganz natürlichen Impulsen folgende Handlungen und der gefühlsmäßigen Anteilnahme mit dem Mord an einem Menschen. Paul, der im Rahmen seiner Observationstätigkeit dem Mord aus sicherer Distanz beigewohnt hatte, vermutet dagegen, dass hinter dem Mord eine große Verschwörung steckt.

Während Paul also ständig versucht, Amerika retten und aufrecht zu halten, arbeitet Lana im Hier und Jetzt und teilt essen an Obdachlose aus und kümmert sich um die würdige Bestattung eines Ermordeteten.

Die Handlung eskaliert, als Paul auf der Jagd nach den vermeintlichen Hintermännern in das Schlafzimmer einer alten Dame gerät, wo sich herausstellt, dass die vormals verdächtigen ‘waffenfähigen’ Putzmittel-Kartons mit der verdächtigen Aufschrift „Borax“ nichts anderes als Umzugskartons sind. Die pflegebedürftige Dame liegt im Bett und beklagt sich darüber, daß sie nur einen TV-Sender empfangen kann, in dem immer nur dasselbe zu sehen ist. Man hört G. W. Bush bei einer seiner ständigen Ansprachen ans Volk. Paul neigt sich zu dem Gerät wie zu einem Volksempfänger und haut mit der Faust darauf, dann endlich wechselt der Sender zu einem Comic.

Während dessen trinkt Lana mit dem Bruder des Ermordeten Tee.

Paul fallen die Schuppen von den Augen und er erkennt das Lächerliche und Krankhafte an seinem Denken und Handeln.

Er kehrt zu den Teetrinkern zurück und übt sich in Bescheidenheit. Auf einer Fahrt durchs Land, ziehen die ganzen US-Mythen in kurzen großartigen Bildern an den Reisenden vorbei.
Der Mythos dieses Landes ist schön, aber er ist nicht den Horror der Angst und die Katastrophe einer alles überwachenden und besetzenden Weltherrschaft wert.

„Big brother is watching you“ ist die Hölle.
Auf diese paranoide Hölle der vermeintlichen Rechtschaffenheit macht der Film von Wim Wenders aufmerksam. Er löst nichts, verklärt nichts, er erzählt auch nicht durchgängig und zu Ende. Es gibt Anfänge aber auch Sackgassen.
Das alleine ist in dieser überspannten Zeit schon viel:

Der amerikanische Mythos darf sich verwandeln und muß nicht paranoid in einbalsamierter Form für die Ewigkeit unverändert bleiben.
Am Ende stehen Paul und Lana am Rande der Baustelle von Ground Zero, diesem zu falschen neuen Mythen taugende, von G.W. Bush immer wieder zu Propagandazwecken mißbrauchten Trauer-Grund.

Paul bemerkt enttäuscht (in etwa): “Ach, ich hätte mir das hier viel großartiger vorgestellt. Es ist ja nur ein ganz normale Baustelle”
Willkommen in der Realität.

Die “Baustelle” scheint mir ein stimmiger moderner Mythos, der andere Aufmerksamkeit verlangt, als das kriegerische Kontroll-Getue, das uns ins Chaos stürzen will.

Wim Wenders ist ein Maler herrlicher Bilder und hat Gespür für tolle Musik. Ihm ist ein ehrliches und gutes Stück Kunst gelungen.

Dem Chor der obligatorischen Wenders-Spötter möchte ich zurufen: Schere aus dem Kopf, hingucken, nachdenken.

Kai Hansen

Land of Plenty [Wim Wenders;2004]

2004

Zwei Jahre nach dem Attentat vom 11. September kommt Lana (Michelle Willams) nach einem langjährigen Auslandsaufenthalt – zuletzt in Israel – in Los Angeles an. Sie wird von einem Bekannten ihrer verstorbenen Mutter abgeholt und erhält ein Zimmer in einer Missionsstation mitten in der von Armut gezeichneten kalifornischen Stadt. In ihrem Rucksack, der all ihr Hab zu Gut enthält, hat sie einen Brief für ihren Onkel Paul, den ihre Mutter kurz vor ihrem Tod verfasst hat. Paul (John Diehl), der einzige noch lebende Verwandte Launas, ist Vietnamveteran und fährt als in einem nach Geheimdienstmanier ausgestatteten Kleintransporter auf der Suche nach Hinweisen für islamistische Terrorakte als ‘verdeckter Ermittler’ durch Los Angeles. Während Lana der Welt mit Liebe gegenübertritt und häufig keine Worte mehr findet für die Grausamkeiten der heutigen Welt, wird Paul von paranoidem Misstrauen und dem Zwang getrieben, die Wahrnehmung seiner Umwelt nach Art eines polizeilichen Beobachtungsprotokolls zu versprachlichen. Paul durchlebt ein “aktualisiertes” Vietnamtrauma in einer von “islamischen Terroristen unterwanderten Welt”.

Die an wärmesensible Aufnahmen erinnernden Bilder des Filmvorspanns sind sehr gelungen und wecken Erwartungen an einen guten Film, die leider nicht erfüllt werden. Zweifelsohne hat Wim Wenders ein Auge für Bilder, ein Ohr für Musik und eine Hand für seine Schauspieler, ein Händchen für eine Geschichte hat er aber nicht. Wenders weiß um bedeutungsvolle Orte und starke geschichtliche Ereignisse. Er zögert weder das Konfliktpotenzial von Los Angeles für seinen Film zu nutzen, noch das Konfliktpotenzial des “Elften Septembers”. Die Menschen, die er aber dieses Konfliktpotenzial “leben” läßt, bleiben flach und unentwickelt. John Diehl (u.a. Pearl Harbour, Jurassic Park III) und Michelle Williams (u.a The Station Agent) leisten in den Rollen von Paul und Lana sehr gute Arbeit,
als Identifikationsfiguren ignoriert der Regisseur sie jedoch. Er bevorzug die Stilisierung seiner Figuren, statt uns mit ihrer Hilfe den Film erleben zu lassen.

Als in der Nähe der Mission, in der Lana arbeitet und untergebracht ist, aus einem fahrenden Wagen ein Brandsatz auf unter Pappkartons schlafende Menschen geworfen und ein Bettler erschossen wird, ist das plötzlich anders. Jetzt sieht, fühlt und erlebt man, was die bis dahin vorgeführten Bilder, die Musik und die Dialoge “meinten”. Jetzt sieht, fühlt und erlebt man die Liebe, mit der Lana dem Leid begegnet. Jetzt, als sie sich hilflos um das Leben des bereits blutspuckenden Sterbenden bemüht. Und jetzt sieht, fühlt und erlebt man die Gefühltskälte des sich auf Misstrauen beschränkenden Paul, dem das menschliche Leben, das er sich doch zu schützen vorgenommen hat, herzlich egal zu sein scheint. Warum sollte er Mitgefühl zeigen, wenn es “cooler” ist, den Umstehenden zu sagen, dass das Geschoss, von dem der Mann getroffen wurde, im Körper geplatzt ist und ein riesiges Loch verursacht hat. Wenn denn Paul den Zustand der nordamerikanischen Gesellschaft versinnbildlicht, was läge näher, als die Zwanghaftigkeit dieser Haltung jetzt zu thematisieren.
Doch der Film läßt sich auf die Personen nicht weiter ein und entwickelt sich qualitativ nicht weiter. Vielmehr fällt er immer wieder in eine floskelhafte Erzählweise zurück. Die Weltsicht des filmischen Pauls – von den paranoiden Elementen einmal abgesehen – ist der filmischen Behandlung des Stoffs durch Wim Wenders mitunter ähnlicher, als es diesem recht sein kann.

Erst gegen Ende von “Land of Plenty” kommen wir dem Protagonisten Paul und dem von misstrauen geprägten Lebensgefühl (einer ganzen Gesellschaft?) näher. Doch als dieser endlich lebendig wird, ist der Film beinahe zu Ende. Für die Qualität des Drehbuchs spricht dabei nicht, dass die Situation, die diesen Wandel einleitet, vorraussagbar und peinlich komisch wirkt.

[siehe auch: die andere meinung zum film: kai hansen]

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Schlechte Erziehung [Pedro Almodóvar; 2004]

2004

Der mit dem Oscar für den besten nicht englischsprachigen Film ausgezeichnete “Alles über meine Mutter” (1999) und der mit dem Oscar für das beste Drehbuch ausgezeichnete “Sprich mit ihr” (2002) gefielen mir nicht mehr. Mit “Frauen am Rand eines Nervenzusammenbruchs” hatte ich mich zumindest noch sehr amüsiert. Danach, so fand ich, litten die Filme des ehemaligen Enfant Terrible des spanischen Films am internationalen Erfolg, den er durch “Frauen am Rand…” schließlich erlangt hatte. Und grad das Drehbuch von “Sprich mit ihr” war für mich einfach schlecht, alleine schon wegen der überflüssigen Rolle der von Rosario Flores mäßig verkörperten Stierkämpferin. Aber das ist eine andere Geschichte.
Die Kritik in Spanien behandelte den Film “Schlechte Erziehung” rücksichtsvoll, aber ohne Enthusiasmus. Ich wußte, dass er in diesem Jahr das Festival in Cannes eröffnet hatte. Und ich wußte – was für mich schwerwiegender ist – um Almodóvars immer wieder aufblitzenden, gekünzelten Hang zum Skurilen

Auch in seinem neusten Film gibt es diesen Hang.

Der Transvestit Zahara spricht bei Vater Manolo vor. Dieser ist immer noch Leiter der Klosterschule, die Zahara besuchte, als sie noch Ignazio hieß. Zahara will Vater Manolo erpressen, weil dieser sich an Ignazio vergangen hatte. Im Verlauf des Gesprächs steht der ebenfalls anwesende Vater José plötzlich auf, stellt sich hinter Zahara und bricht ihr durch eine rasche und geräuschvolle Kopfverdrehung nebenbei mal eben das Genick.
Der Unterschied zu früheren Filmen des Spaniers ist nun aber der, dass anschließend die Kamera zurückfährt und das Ganze als das zeigt, was es ist: eine im Studio gedrehte Filmsequenz. Dass er grade an der abwegigsten Stelle des Films zu diesem Mittel greift, läßt nicht nur den Schluss zu, dass Almodóvar in “Schlechte Erziehung” sich dieser Abwegigkeit bewusst ist, sondern gibt auch Anlass für die Frage, ob alle in früheren Filmen wahrgenommenen Abwegigkeiten nicht bewusst eingesetzte Stilmittel waren.

Bei der filmischen Relexion des eigenen Schaffens und des eigenen ichs ist der spanische Regisseur auf jeden Fall noch nie so weit gegangen. Für den Zuschauer und die Zuschauerin ist dabei von geringerer Bedeutung, dass Almodóvar selbst lange Zeit Schüler einer Klosterschule war, ähnlich wie der kleine Ignazio, wunderschön singen konnte, und ähnlich wie der von Fele Martínez dargestellte Enrique, homosexuell und erfolgreicher Regisseur ist. Mit anderen Worten: Autobiographisches Material wird von Almodóvar aufgegriffen, aber im Sinn des Films und der zu erzählenden Geschichte umarrangiert. So heißt die Produktionsfirma von “Schlechte Erziehung” “El Deseo” (der Wunsch, die Begierde) im Film selbst aber “El Azar” (die unvermutete Begebenheit, Schicksal, Unglück); wie bereits erwähnt, kann Ignazio zwar auch gut singen, zum bekannten Filmregisseur wird aber sein Freund Enrique. Durch die Neuformulierung von inhaltlich Bekanntem gibt Pedro Almodóvar bekannten Formen neue Bedeutung. Und mit der Thematisierung des Filmens zeigt er eine unerwartet hohe künstlerische Reife, die nicht nur, wie oben bereits angedeute, sein gesamtes Werk in einem etwas anderen Licht erscheinen lässt, sondern auch für die in “Schlechte Erziehung” erzählte Geschichte Konsequenzen hat. Denn mit einem Mal wird deutlich, dass alle Geschehnisse um Zahara, die wir vor dem “Mord durch Genickbruch” gesehen haben, Teil der im Film verfilmten Geschichte mit dem Titel “Der Besuch” sind, die Ignazio seinem Schulfreund Enrique nach vielen Jahren zur Verfilmung anbietet.

Almodóvar versteht seinen Film als Kriminalgeschichte in der Tradition des “Film Noire”, den Robert Sklar in “Movie-made America: A Cultural History of American Movies” folgendermaßen definiert: “Das Kennzeichen des Film Noir ist sein Sinn für in einer Falle sitzende Menschen – gefangen in einem Netz von Paranoia und Angst, unfähig, Schuld von Unschuld zu unterscheiden, echte Identität von falscher. Die Bösen sind anziehend und sympatisch … . Seine Helden und Heldinnen sind schwach, verstört. Die Umwelt ist düster und verschlossen, die Schauplätze andeutungsweise bedrückend. Am Ende wird das Böse aufgedeckt, aber das Überleben der Guten bleibt unklar und zwiespältig” (zitiert nach Wikipedia). Ohne Zweifel treffen viele dieser Elemente auf “Schlechte Erziehung” zu. Ob dieser Film aber ein guter “Film Noire” ist, soll dahin gestellt bleiben. Auf jeden Fall erzählt er eine sehenswerte und spannende Geschichte.

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[Gael García Bernal]
Der Film “Schlechte Erziehung” (La Mala Educación) von Pedro Almodóvar lief am 17.10.2004 in synchronisierter Fassung im Stuttgart Delphi.

Wahnsinnsfrau Anne Sexton [Puppentheater Magdeburg/Figurentheater Tübingen 13.10.2004]

2004

Missbrauch, Lieblosigkeit, Leere, Schizophrenie, Krebs, Selbstmord. Zu viel für 60 Minuten Figurentheater?
Die szenischen Assoziationen aus dem Leben der nordamerikanischen Dichterin Anne Sexton (1928 – 1974) standen unter der Regie von Frank Soehnle (Figurentheater Tübingen). Gabriele Grauer und Gerhild Reinhold (Puppentheater Magdeburg) agierten als Schau- und Figurenspielerinnen. Das einfache Bühnenbild – eine Bühne auf der Bühne – wurde durch Projektionen filmischer und schattenspielerischer Art ergänzt. Zu hören waren während des Stücks die erzählende Stimme einer Frau und musikalische Komositionen von Johannes Frisch, in denen ein Kontrabass dominierte.
Sehr gelungen der filmisch eingespielte Missbrauch der kleinen Anne. Ein auf dem Bett liegendes vielleicht achtjähriges Mädchen; ein anonymisiert dargestellter Mann: seine Füße, seine Hände. Dann die Hand, die unter das Kleidchen geht, das nicht mehr das Kleidchen des achtjährigen Mädchens, sondern das der Puppe ist.

Und der leere Blick der Puppe, in der der Zuschauer “direkt” die Tragik der Vorgänge sieht und spürt.
Sehr schön der eingespielte Vulkanausbruch, sehr schön die Musik am Anfang des Stücks, sehr schön das Bühnenbild am Ende des Stücks, dessen papierene Rückwand, und das projizierte violette und rote Licht auf dem mit Wasser aufgeweichten Durchgang nach hinten. Sehr schön, wie Grauer und Reinhold im ersten Teil der Darbietung aus einem Kleid, einem Hut und zwei roten Schuhen durch gemeinsames Spiel eine Figur entstehen lassen, die ein kleines Mädchen darstellt. Wunderschöne und überzeugende Bewegungen. Überhaupt überzeugen die Bewegungen der von den beiden Frauen geführten Figuren. Ohne Frage beherrschen sie das Handwerk des Figurenspiels und des Sprechens.

Das Stück stelbst ist jedoch genauso unverständlich wie langweilig. Es gab zu vieles, was von Anne Sexton ablenkte. Dann die hilflose Körperlichkeit der Protagonistinnen vor allem am Anfang, als die Dichterin ihrer Tochter erscheint. Gabriele Grauer (die Dame mit den rötlichen Haaren) weiß mit ihrem Blick während der gesamten Vorstellung nicht wohin. Und um Gerhild Reinhold musste man sich aufgrund ihrer hastenden Gehweise auf dem schrägen Bühnenboden fast Sorgen u ihre körperlich Unversehrtheit machen. Was sollte die Projektion der “selbst gedrehten” Filmsequenzen? Und die Erzählerinnenstimme im Off? Dass weder Grauer noch Reinhold auf den Bühne schlecht gesprochen haben war wahzurnehmen. Warum diese Fähigkeit aber in den Toneinspielungen nicht zu bemerken war, bleibt ein Rätsel.

Letztlich verantwortlich für die mäßige Aufführung ist aber der Regisseur. Dass das ausgerechnet Frank Söhnle ist, macht nachdenklich. Viele seiner Stücke haben im FITZ begeistert. Im Fall von “Wahnsichnnsfrau Anne Sextron” hat Söhnle schlecht gearbeitet. Dass charakteristisch für das Schicksal von Anne Sexton gewesen zu sein scheint, dass sie ihr eigenes Leben zu oft als bedeutungslos empfunden hat, darf nicht Anlass für die Inszenierung eines bedeutungslosen Stücks sein.

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Das Theaterstück “Wahnsinnsfrau Anne Sexton” wurde am 13.10.2004 im Rahmen der 15. FITZ-Theaterfestwoche in der Inszenierung von Frank Söhne uraufgeführt.

White Cabin [Ache Group, Russland; 15.10.2004]

2004

Zwei Männer, Maxim Isaev und Pawel Semtschenko, und eine Frau, Barbara Seifert. Die Bühne, am Anfang noch beinahe leer. Links ein Schreibtisch, davor ein Stuhl, auf dem die Frau sitzt. Ein zweiter Stuhl, etwas weiter rechts. Viel Rauch, der in dichten Schwaden durch den Saal zieht.
Als der Raum sich verdunkelt, steht die Frau langsam auf und geht ohne Hast zu dem zweiten Stuhl, der in der Mitte der Bühne in unmittelbarer Nähe des Publikums steht. Als die Frau sich setzt, wendet sie den Zuschauern den Rücken zu und ist ebenfalls Zuschauerin.

Die raunende Musik wird lauter bis rechts eine Gestalt erscheint, die in einem von oben kommenden Lichtkegel steht und ein großes geöffnetes Buch in den Händen hält. Ein buschiger, bis auf die Brust reichender Bart, Pluderhosen, ein Hut, eine Jacke. Die Erscheinung wirkt märchenhaft, kaukasisch, wie vieles im Stück. Die Rauchschwaden, die sich vorher im ganzen Saal ausgebreitet hatten, konzentrieren sich nun auf den durch den Lichtkegel markierten Bereich über dem Mann, der starkt raucht und unruhig in seinem Buch blättert und manchmal innehält um zu lesen.

Nach einer Weile erscheint links eine weitere Gestalt, ein dicker Pierrot, der einen papierenen Rock trägt. Und bald wird auch die in der Zuschauerposition verharrende Frau wieder ins Geschehen einbezogen.
In der Erinnerung verliert sich das sehr bildhafte Stück schnell. Es gibt vor allem zu Anfang, sehr einfache Momente, die sehr magisch wirken. Die in die Luft gehängte Flasche; der kleine weiße Ball, der langsam von der Bühne schwebt; das Kaugummi, das immer länger und länger wird; das Lämpchen, das die Münder von zwei schwatzenden Männern von innen beleuchtet; der unbekleidete Rücken der Frau, über den sie sich Milch gießt…

Das Stück ist gut, wo ihm kleine Bilder gelingen; die großen Bilder sind kaum der Rede wert.

Von der Decke schweben vier Leinwände herunter. Die Bewegungen der Akteure beschränken sich nun auf die parallel zum Zuschauerraum verlaufenden Wege zwischen den Leinwänden, wo die Schauspieler sich nur noch begegnen. Die Tiefe der Bühne wird zwar durch die von vorn nach hinten sich verkleinernden zentralen Aussparungen in den Stoffen betont, führt jedoch auch im übertragenen Sinn zu einer Verflachung des Geschehens. Die front- und rückwärtige Filmprojektionen auf die Stoffbahnen verstärken diesen Eindruck noch.

Der bilderbuchartige Reigen von Eindrücken führt zu einzelnen Höhen, verdichtet sich jedoch so gut wie nie zu einer Gesamtheit. Die Bilderflut bleibt im Augenkitzel stecken.

Die auch durch die Ankündigungen geschürten hohen Erwartungen erfüllen sich für mich nicht, obwohl die Schauspieler nicht wenig Applaus erhalten.

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Die russische Ache Group spielte “White Cabin” am 15.10.2004 im Rahmen der 15. Internationalen Festwoche des Figurentheaters FITZ (Stuttgart).
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Beate Bitterwolf, Rris Flexer [Herbst 2004]

2004

Beate Bitterwolf und Iris Flexer arbeiten auf ganz unterschiedliche Art “abstrakt”. Während Bitterwolf Pflanzenmotive zum Anlass für Form- und Farbgestaltung nimmt, ist das Form- und Farbkonzept von Flexer ungegenständlich; breite, flächige Graden und Bögen sind hier die formtragenden Elemente der gedanklichen Auseinandersetzung mit dem Menschen.
Die Räumlichkeiten des Bundes der bildenden Künstlerinnen Stuttgart (Eugenstr. 17) sind für die überwiegend mittelformatigen Arbeiten etwas zu klein. Der Besucher und die Besucherin sollten sich hierdurch nicht ablenken lassen und die Möglichkeit zur Auseinandersetzung mit so unterschiedlichen und doch miteinander verwandten Bildauffassungen nutzen.

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iris flexer

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beate bitterwolf

Beate Bitterwolf und Iris Flexer stellen vom 1.10.2004 bis zum 1.11.2004 im Haus des Bundes der bildenden Künstlerinnen Stuttgart (Eugensplatz 17) aus. (Sa,So; 11-16.00 Uhr oder nach telefonischer Vereinbarung)

Twin Houses [Compagnie Mossoux-Bonté, Herbst 2004]

2004

Im Begleitheftchen der 15. Internationalen Festwoche des Figurentheaters im FITZ! heißt es vollkommen richtig zu der hier zu besprechenden Aufführung: “alptraumhaft und faszinierend” – “faszinierend” die Darbietung und “alptraumhaft” dessen Inhalt. Absolut überzeugend ist das Spiel der aus Belgien stammenden Tänzerin und Choreografin Nicole Mossoux, die in Zusammenarbeit mit dem Autor und Regisseur Patrick Bonté ein Stück schafft, dem nichts hinzuzufügen ist. Die beeindruckende Körperarbeit von Mossoux ist bei Twin Houses die Grundlage einer (Puppen-) Spieltechnik, deren Perfektion seines Gleichen sucht. In dem 1994 entstandenen Werk thematisiert – oder sollte man sagen “poetisiert” – die Compagnie Mossoux-Bonté innere Zwiespältigkeiten zwischen Alltag und Alptraum.
Bei den Szenen, die Nicole Mossoux in Begleitung von fünf mit ihr verbundenen Puppen spielt, ist es häufig nicht möglich zu sagen, wer wen führt. Wer leidet und wer erleidet, wer leitet und geleitet wird.
Ihr Können hält Mossoux nicht lange vor Zuschauern und Zuschauerinnen verborgen. In der ersten Szene erscheint seitlich beleuchtet und umgeben allein vom dunklen Raum der Bühne eine etwas erhöht sitzende Frau, die in ihrem Tagebuch schreibt. Rechts neben ihr – bewegt von Mossoux rechter Schulter und rechter Hand – eine Gestalt, die immer aktiver in den Schreibprozess eingreift: zuerst folgt ihr Blick nur dem roten Stift, dann weist sie die Schreiberin auf Fehler hin, macht Vorschläge und nimmt schließlich das Schreiben und nicht nur das Schreiben in die eigene Hand. Bald wird die Frau zum Störfaktor und die Gestalt beschließt, mittels Messers sich von dieser zu trennen. Die Trennung erfolgt und die Gestalt erscheint auf der Bühne und trägt wie ein Räuber das Geraubte, den, von einem Tuch verhüllten Kopf der Frau. Und dem Zuschauer bleibt der Atem stehen, als sich herausstellt, dass das Tuch nicht irgendetwas Rundes und Kopfähnliches verhüllt, sondern den Kopf der Frau, die in keiner Sekunde aufgehört hat, die Puppengestalt zu führen. Der für das innerste Erleben des Menschen typische, nur noch im Traum und im Empfinden lebendige, der sprachlichen Vernunft unzugängliche und in der Kunst immer wieder angesprochene Widerspruch zwischen dem eigenen und dem fremden Ich werden von Compagnie Mossoux-Bonté spielerisch so verschmolzen, dass auf der Ebene der Bedeutung betörende Poesie das Ergebnis ist.

Ein rundum empfehlens- und erlebenswertes Theaterereignis.

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Am 09.10.2004 gastierte die Compangnie Mossoux-Bonté mit dem beeindrucken Stück Twin House im Stuttgarter FITZ. Herrausragend: Nicole Mossoux (1956)

Daniel Messina Trio [29.09.2004]

2004

Für mich war Daniel Messina bis dahin ein unbeschriebenes Blatt. Meine Erwartungen an das angekündigte Konzert waren nicht hoch. Die im Laden ausliegenden Faltblättchen kündigten lateinamerikanische Musik an. Und weil ich kein besonderer Freund von Tango und Salsa bin, ahnte ich wenig Gutes. Auch schien mir am Anfang Schlagzeug und Percussion im Vergleich zu den anderen Instrumenten viel zu laut. Natürlich, dachte ich, wenn der Schlagzeuger Chef der Truppe ist, dann hört sich das wohl so an.…

Nach dem ersten Stück musste ich aber zugeben, dass ich in einem ganz anderen Konzert saß. Dass das Schlagzeug zu laut war, hatte Daniel Messina schon viel früher gemerkt als ich. Und ab dem zweiten Stück lief alles mehr als rund. Ganz stark das rhythmisierende und sehr virtuose Klavierspiel von Ulli Möck. Betörend die Spielfreude aller Musiker. Glänzend der Einsatz des Bandoneons durch Gustavo Battistessa, der das Trio über den gesamten Abend vorzüglich ergänzte. Und statt ständig an Tango denken zu müssen, war ich angenehm darüber überrascht, wie ähnlich der Klang des Bandoneons dem der Mundharmonika z.B. eines Toots Tielemanns ist.

Für mich vollkommen überraschend die Qualitäten von Daniel Messina als Schlagzeuger, Percussionist, Bandleader und Komponist. Wunderschöne Kompositionen, von denen mir am besten “Escalera hacia el alma” gefiel.

Meine Ansprüche an modernen Jazz im Allgemeinen und an Musik überhaupt hat das Daniel Messina Trio voll und ganz erfüllt. Ausschlaggebend hierfür waren die Spielfreude der Musiker, deren Können und die von Intelligenz und Seele durchträngten Kompositionen Messinas. Und wenn das Trio Ende Oktober wieder bei Buch Julius gastiert, werde ich sicher wieder da sein.
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Das durch den Bandoneonisten Gustavo Battistessa wunderbar ergänzte Daniel Messina Trio mit Ulli Möck am Klavier, Thomas Rotter am Bass und Daniel Messina am Schlagzeug gab am 22.09.2004 bei Buch Julius ein sehr sehr schönes Konzert.

Virgin Suicides [Sofia Coppola;1999]

2004

Der Film, so kündigt das Kinoprogramm des Stuttgarter Kommunalen Kinos (Koki) an, ist das Erstlingswerk von Sofia Coppola, eine Regisseurin, die mit “Lost in Translation” (2003) drei Oskar-Nominierungen für Regie, Drehbuch und besten männliche Hauptdarsteller (Bill Murray) schaffte. Und der eine oder andere Academy Award wäre sicherlich nicht unverdient gewesen.
Die Jahre, die zwischen den beiden Filmen liegen, kann man sehen. Was “Lost in Translation” für mich so sympathisch gemacht hatte, war die ganz und gar unprätentiöse, einfache Geschichte und die Beschränkung a) auf zwei Schauspieler, b) auf die behandelte Zeitspanne von nur wenigen Tagen und c) auf einen Ort, nämlich ein Luxus-Hotel in Tokio.
Coppola liegt diese Einfachheit offensichtlich, denn sie findet sich in durchaus wiedererkennbarer Form auch in “Virgin Suicides” wieder. In dem von ihr selbst adaptierten Drehbuch (Original von Jeffrey Eugenides, der mit “Middlesex” Weltruhm erreicht hat) richtet die Regisseurin ihren Blick aber auf ein Thema, das alles andere als einfach ist: der gemeinsame Selbstmord von vier heranwachsenden Schwestern aus “gutem Haus”.
Hintergrund ist das Leben einer kleinbürgerlichen Familie in einer nordamerikanischen Kleinstadt. Die Geschichte, die übrigens auf tatsächlichen Ereignissen beruht – was immer das heißen mag – spielt in den frühen 70er-Jahren, die Sofia Coppola ” nicht als Ära des Liberalismus feiert, sondern als
Hort kleinbürgerlichen Denkens darstellt.” (www.artechock.de). Am Anfang des Films steht der Selbstmordversuch der jüngsten Schwester. Sofia Coppola schildert diesen aus einer neutralen Perspektive, kommt aber durch den Dialog von Arzt und geretteter Patientin direkt zur Sache. Auf die monologisierend geäußerte Anmerkung des älteren Arztes, dass es doch keinen Grund gäbe “so etwas” zu tun, bemerkt die jüngste Tochter der Familie Lisbon nur abweisend: “Sind Sie denn schon mal ein 13-jähriges Mädchen gewesen?!”
Mr. Lisbon, der Vater der Familie – ein von James Wood überzeugend dargestellter Endvierziger – ist Lehrer an der Schule seiner Töchter. Mrs. Lisbon, die Mutter – eine sehr glaubhafte Kathleen Turner – ist der Mittelpunkt der Familie, der sich und “den Ihren” mit einer auf Frömmelei gründenden, fröhlichen Kaltherzigkeit begegnet und wenig Anderes im Sinn führt als die Jungfräulichkeit ihrer Töchter zu hüten.

Nach dem Schulball, zu dem der hübsche Trip Fontaine (Josh Hartnett) die ihn scheinbar wenig Beachtung schenkende Lux – die älteste Lisbon-Schwestern – einlädt, kündigt sich das triste Finale des Films an. Obwohl sie in Begleitung ihrer Schwestern und deren Verehrern zum Tanzball fährt, kommt Sie am anderen Morgen alleine zu Hause an: in aller Heimlichkeit auf dem nächtlichen Football-Feld entjungfert und, noch schlafend, von Trip Fontaine dort auch zurückgelassen, hat sie sich vor allem in den Augen ihrer Mutter an sich und anderen schuldig gemacht. Die Mutter zwingt Lux dazu ihre gesamte Plattensammlung zu verbrennen; alle drei Schwestern erhalten darüber hinaus strengsten Hausarrest. Ihnen wird der Kontakt mit der Außenwelt und sogar der Schulbesuch untersagt.

Der im Off immer wieder zu hörende Erzähler, der die Ereignisse wie aus der Erinnerung kommentiert, mit einander in Beziehung setzt oder einfach nur erklärt wird nun aus Handlungsträger. Die Stimme gehört einem der drei Schulkameraden der Mädchen, die diese auch auf den Schulball begleitet hatten. Aus der betroffenen Distanz versuchen die drei männlichen Heranwachsenden Kontakt zu den Mädchen aufzubauen. Sie beobachten Lux, die älteste der drei Schwestern, die nun regelmäßig auf dem Vordach des Elternhauses mit unbekannten Männern schläft. Dann rufen sie einander an, aber statt zu sprechen, spielen sie sich Platten vor, und schließlich kommt es zu einer nächtlichen Verabredung. Die Jungs schleichen sich zum Nachbarhaus. Die Hintertür ist offen. Lux sitzt dort und raucht. Einen Moment noch, sagt sie. Die Eltern schlafen noch nicht, sagt sie. Sie meint aber, dass die Überdosis Schlaftabletten, die eine Schwester genommen hat, ihre tödliche Wirkung noch nicht erreicht haben. Die andere Schwester hat sich Keller erhängt; sie geht schließlich in die Garage und erstickt sich dort mit Kohlenmonoxyd.

Einige persönliche Sachen bleiben den Jungs: Platten, Bilder. Kaugummipapier, Briefe und ein Tagebuch. Dinge, die ihnen helfen sollen, das Unverständliche zu verstehen.

Sofia Coppola gelingt ein ambitioniertes Regiedebüt. Vielleicht ein wenig zu ambitioniert für ein Erstlingswerk. Sehr amerikanisch in Form und Inhalt, aber noch nicht Film genug, um zu überzeugen. Vor allem ist es die Einbeziehung der Zuschauers, die m.E. nicht funktioniert. Die Stimme im Off sagt häufig, was wir eigentlich sehen sollten. Niemand im Film nimmt uns mit und zeigt uns wie furchtbar die Geschehnisse doch tatsächlich sind. Es wird gesagt, dass sie furchbar sind, aber erleben tun wir das nicht. Alle Personen sind wir durch eine Folie aufgenommen und merkwürdig flach. Diese Distanz funktioniert, um die Eltern in ihrer Gefühlskälte zu beschreiben. Warum ist Lux die Einzige, die den hübschesten Jungen der Schule (Josh Hartnett) unbeachtet lässt? Provoziert sie ihn oder ist er ihr wirklich egal. Und ist die Liebe zu ihm wenigstens in ihren eigenen Augen wahr? Als Lux ihre Platten verbrennt, entsteht so viel Rauch im Haus, dass die Mutter beschließt, die restlichen Platten in den Mülleimer zu werfen. Als sie die Haustüre öffnet, wird sie von dicken Qualmwolken begleitet. Das wirkt witzig, kann aber nicht so gemeint sein.

Auch ist die Fotographie sehr fade und die in zahlreichen Situationen zusehenden Bildmontagen (Aufteilung der Leinwand in zwei Teile, die röntgenaugenartige Einblendung der handschriftlichen Kritzelei “Trip” auf dem Slip von Lux, als diese fertig angezogen zum Ball abgeholt wird, Erinnerungsüberblendungen, Weichzeichnungen…) vollkommen fehl am Platz. Sofia Coppola bringt zu oft Form und Inhalt durcheinander. Aber was soll es: kein rundum gelungener, aber doch ein ganz guter Film.

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“Virgin Suicides” ist Sofia Coppolas Spielfilmdebüt. Der Film war am 2.10.2004 in synchronisierter Fassung im Stuttgarter Koki zu sehen.

La Pelota Vasca [Julio Medem;2003]

2004

“Vacas”, “La Ardilla Roja”, “Los Amantes del Circulo Polar”, “Tierra” (dt. Tierra), “Julia y el Sexo” (dt. Julia und der Sex) sind die wichtigsten Spielfilme des im baskischen San Sebastian 1956 geborenen Regisseurs Julio Medem. Ausgezeichnet wurden seine Filme von zahlreichen internationalen Festivals; den begehrten spanischen Goya-Filmpreis erhielt Medem für alle nur denkbaren Kategorien. Für “La Pelota Vasca” erhielt er, meines Wissens weder einen Goya noch einen anderen Preis, lieferte jedoch einen Dokumentarfilm ab, der zumindest in den Augen der in Spanien bis April 2004 regierenden Volkspartei polemischer nicht hätte ausfallen können.

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Julio Medem beschäftigt sich in seinem 2003 entstandenen Film mit dem Einfluss der Terrorgruppe ETA und deren Umfeld auf die baskische Gesellschaft. Interviewt werden mehr als 50 Personen. Aufgelockert werden die Interviews durch Landschaftsaufnahmen, Aufnahmen
von taditionellen, baskischen Sport- und Kultureignissen sowie Spielfilm- und Dokumentarfilmsequenzen zum Thema Terrorismus. “La Pelota Vasca”, wörtlich, “der Baskische Ball”, ist ein im Baskenland populärer Volkssport, der innerhalb eines an zwei Seiten von hohen Mauern begrenzten, ca. 20 m langen Spielfeldes mit der Hand, einem Holzschläger oder einem schaufelartig verlängerten Handfortsatz gespielt wird. Der “Baskische Ball” ist, wie vieles im Baskenland, ein reiner Männersport.
Warum der Film aber nun so heißt wie er heißt, bleibt unklar. Auch wird der sicherlich interessante Sport nicht weiter erläutert. Weder wird der kuriose “Handfortsatz” erklärt, noch erfährt man etwas über den Hintergrund des Sportes. Dieselbe illustrative Behandlung erfahren andere im Film auftauchende, sehr “rustikal” erscheinende Traditionen wie das Holzhacken, das Steinblöcketragen und das Ochsenführen.
Vieles seltsam urwüchsig und auf beinahe bedrohliche Art authentisch. Baskisch? Mit ein wenig Neugierde seitens des Autors wäre uns vielleicht das Vorurteil erspart geblieben, dass Basken stark, roh und ungehobelt sind. Die zahlreichen Landschaftsaufnahmen scheinen einen weiteren Allgemeinplatz zu bilden, dem sich Julio Medem bei seiner Dokumentation ebenfalls nicht entziehen kann.

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Die aus geringer Flughöhe aufgenommene Alantikküste ist dabei nicht einmal hässlich. Wie denn auch. Aber für die sogenannten entwickelten Gesellschaften gilt, dass “Natur und Kultur” ein widersprüchliches Verhältnis zu einander haben. Entweder das eine oder das andere. Und immer wenn die Natur dazu herhält Sphären der Kultur zu erklären oder zu rechtfertigen, wird es, vorsichtig gesagt, eng für die Vernunft. Grade weil die Natur in uns oft Erinnerungen an Dinge weckt, die wir, Kulturmenschen, die wir sind, überhaupt nicht kennen, niemals gekannt haben oder, gottseidank, nie haben kennen lernen müssen. Die seltsame Verklärung der Natur findet sich auch an anderer Stelle wieder, denn die meisten interviewten Personen werden “vor der Natur” aufgenommen und, durch eine über diese hinwegfahrende Kamerafahrt, schließlich sogar “aus dieser entfernt” – was nur befremden kann. Soll hier auf die “wahren und ewigen Dinge” verwiesen werden, vor denen der Mensch und seine Probleme letztlich unerheblich ist?

Weiter verwundert der Umstand, dass Medem weit über Menschen zu Wort kommen lässt. Weil ein Dokumentarfilm nun auch nicht länger als zwei Stunden sein sollte, und weil bestimmte Dinge “auf den Punkt gebracht” werden müssen, montiert Medem die Interviews nun so stark, dass viele im Film gesagten Sätze allein Ergebnis des Filmschnitts sind. Dem Autor soll an dieser Stelle nicht der Vorwurf der Manipulation gemacht werden. Auf der Suche nach seiner Idee, sind ihm nur die Interviewpartner mitunter etwas abhanden gekommen. Positiv anzumerken ist dabei allerdings, dass diese Schnitte nie verschleiert werden, sondern durch Bildsprünge sichtbar bleiben.

Allein der eifrige Zuhörer und die eifrige Zuhörerin – lassen wir den Zu-schauer mal beiseite – erfahren in dem Film viel Interessantes. Sie erfahren etwas über die karlistische Tradition der baskischen Unabhängigkeitsbewegung; über die Solidarisierung des konservativen Klerus mit dem linkem, gewaltbereiten Widerstand zu Francos Zeiten; über die Entscheidung eines Teils von ETA (ETA Militar) nach dem Staatsstreich von Tejero (23.2.1981) den bewaffneten Kampf aufzugeben; über die Sympathie Orson Welles für die Basken und über den Umstand, dass es heute im Baskenland nicht außergewöhnlich ist, das normale Bürger von Leibwächtern begleitet werden nur weil sie in irgendeinem Zusammenhang ihre Opposition gegen ETA ausgesprochen haben. Und sie erfahren, ich darf sagen “trotz des Films”, dass das baskische Problem der spanischen Gesellschaft (oder das spanische Problem der baskischen Gesellschaft) nur auf einem Weg gelöst werden kann, dem Weg des Dialogs.

Schlussanmerkung: Unbedingt ergänzt werden sollte das Filmerlebnis durch einen Besuch der hervorragenden Website des Films.
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Aufgeführt wurde der 115 Minuten dauernde Film des spanischen Filmemachers Julio Medem am 03.10.2004 im Koki Stuttgart.

Straight Horn [30.09.2004]

2004

Regelmäßig eine Kritik über Jazz-Konzerte zu schreiben fällt mir nicht leicht, vor allem wenn die Musiker weder Anlass zu Beanstandungen gaben noch der lobenden Worte eines musikalischen Holzkopfes bedürfen.
Ich habe sehr interessiert zugehört und vor allem auch zugesehen. Das fast bis zum Boden reichende, von Jürgen Seefelder leicht modifizierte Straight Horn (”Julius” von Keilworth) war alleine schon eine Sehenswürdigkeit. Vom Ton her deutlich zarter und holziger als ein normales Tenorsaxophon dominierte es das Trio weniger, musste aber elektronisch verstärkt werden, um nicht ganz “unterzugehen”.
Das Konzert hat mir Spaß gemacht, mitgerissen hat es mich weniger.
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Straight Horn in der Besetzung Jürgen Seefelder (Saxofon), Thomas Stabenow (Bass) und Dejan Terzic bei Buch Julius in Stuttgart.

Warner und Kälberer [25.09.2004]

2004

Interessante Konzerte sind nicht gute Konzerte. Und gute Konzerte sind Konzerte, die begeistern. Mir haben die beiden Musiker und die Stücke gefallen, begeistert haben sie mich nicht, begeistert haben mich das stark rhythmisch geprägte Kontrabass-Solo von Josef Warner der Zugabe und eine Unisono-Einlage, die Martin Kälberer auf dem Keyboard (linke Hand) und dem Börsendorfer-Flügel (rechte Hand) zum Besten gab. Und der Sound der Tontrommel hat mit begeistert.

Charakteristisch für alle Stücke des Abends war die Weiterentwicklung klassischer Musik mit Mitteln des vor allem improvisierenden Jazz. Mein schlechtes Gedächtnis erlaubt mir in diesem Zusammenhang als Beispiel lediglich das Thema einer Bachschen Cello-Suite zu nennen und die Verbindung einer aus dem 16. Jahrhundert stammenden Carmina Burana mit einem Stück des brasilianischen Komponisten Milton Nascimeinto. Sehr hörenswert, wie Joseph Warner einen großen Teil dieses Bachschen Werks auf seinem Kontrabass streichend interpretiert, um ihn anschließend in einer gemeinsamen Improvisation mit dem Pianisten zupfend weiter zu entwickeln.

Die gute Figur, die Martin Kälberer machte, wurde m.E. etwas durch die vielen Instrumenten, die dieser sich zu bedienen vorgenommen hatte, überschattet; überzeugend seine Fähigkeiten am Flügel und als Persussionist; schwächer seine Exkurse mit “versampelter” Stimme und Keyboard und die percussionistischen Einlagen des oder der neun Töne umfassenden “Hang”, einer Art nach außen gewölbter Steeltrommel, die mit den Händen (Schwizzerdütsch: Hang) gespielt wird.

Avangardistischer Jazz ist mir mitunter zu “protestantisch”, zu vergeistigt. Martin Kälberer und Josef Warner sind in dieser Hinsicht sicherlich keine Vorbeter – gab es doch zahlreiche groovige Augenblicke – der Abend hätte mir aber besser gefallen, wenn es häufiger geswingt hätte und “katholischer”, körperhafter, weltgewandter zugegangen wäre.

Eben ein “interessanter” Abend.

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Eingeladen vom Nürtinger Kulturverein gaben die beiden Musiker Martin Kälberer (Klavier, Keyboards, Percussion, Stimme) und Joseph Warner (Kontrabass) am 25.9.2004 in der alten katholischen Kirche ein interessantes Konzert.

El Contrabando [24.09.2004]

2004

Um es gleich vorweg zu nehmen: ich habe selten eine so gute Aufführung gesehen.

Die gut 80 Minuten dauernde Inszenierung zeichnete sich von Anfang bis Ende durch ein sehr hohes Maß an künstlerischem Verständnis aus. Musik, Choerographie, Bühnenbild, Gardrobe und Dramaturgie konnten in jeder Hinsicht überzeugen und brauchen den Vergleich mit Aufführungen bekannterer Ensemble nicht zu scheuen. Im Gegenteil: Contrabando sollte diesen Vergleich suchen, um sich zu bestärken, dass der von dem jungen Ensemble eingeschlagene Weg der richtige ist.

Thematisch bewegte sich der Abend zwischen dem nicht unbedingt sehr originellen Begriffspaar Kommunikation und Inkommunikation, dem, zumindest für eine Vorankündigung wenig geschickt, auch noch das “Handy” hinzugefügt wurde. Mir war es ein Genuss, während der Aufführung in keinem Augenblick an die doch sehr zum Klischee neigende “Leere der Handy-Kommunikation” erinnert worden zu sein. Und das hängt ohne Zweifel mit der sichtbaren Lust zusammen, mit der Franziska Bader, Enrico Musmeci, Antonia Moya und Anet Fröhlicher diese Aufführung bestritten. Was daran gelegen haben muss, dass alle vier Personen sich bereits in der Entstehungsphase aktiv einbringen konnten, obwohl auf den Schultern von Anet Fröhlicher – während der Aufführung die Frau im roten Kostüm – das größte Maß Verantwortung für das Stück ruhte. Das Können eines guten Tänzers oder einer guten Tänzerin bewahrt diesen nicht davor, auf technisch hohem Niveau bloßes Ausführungsorgan zu sein. Wird das die Gruppe respektierende eigene Empfinden von Tänzer und Tänzerin aber bereits im Enstehungsprozess eines Stücks von diesem aufgenommen und in dieses einbezogen, dann können bestimmte technische Defizite mehr als ausgeglichen werden. In diesem Sinn macht nicht der Tänzer den Tanz, sondern der Mensch. Ein Umstand, der auf ganz besondere Art im Flameco Gültigkeit hat.

Was für die Tanzdarbietung im eigentlichen Sinn gilt, gilt auch für das Bühnenbild. Mit den vier einfachen Stellwänden, den vier Stühlen und der Beleuchtung gelingt Contrabando eine überzeugende Vielfalt, die soweit geht, dass Stellwände und Stühle bisweilen ihr Objektsein hinter sich lassen und zu “Tanzpartnern” werden.

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Das aus der Schweiz stammende Tanztheater-Ensemble Contrabando gastierte am 24. und 25.9. 2004 in Stuttgart im Treffpunkt Rotebühlplatz der Stuttgarter Volkshochschule. Titel der Aufführung: Tanz und Flamenco: “Hören, Sehen, Vergehen”