Pipo Pollina: Cantadore

2009

Was braucht der Mensch an kalten Winterabenden. Möglichst Naheliegendes, würde ich sagen, und, so sagt es im Konzert Pipo Pollina: Einen Ort, der einen laufen lehrt, also eine Utopie.
Pipo Pollina, der Cantadore aus Sizilien, ein großer Liedermacher aus Sizilien.
Pipo Pollina bereist mit seinen poetischen und politischen Liedern Europa seit bald 30 Jahren. In seinem Solo-Programm „Caminando“ (Bewegung, Aufbruch) erzählt er die Geschichten von Menschen, von Ereignissen, von Katastrophen des Lebens und der Liebe. 2 Konzerte in Nürtingen waren binnen weniger Tage ausverkauft, das Publikum begeistert. Pipo Pollina versteht es, mit seiner Stimme, dem Klavier und der Gitarre die Menschen im Herzen und im Verstand anzusprechen. Er erzählt die Geschichte, die jedem Lied zugrunde liegt, keines wird einfach dahergesungen. Jedes Lied eröffnet ein Gespräch mit den Zuhörern und führt in eine neue gegend menschlichen Lebens.
Dazwischen eine sehnsuchtsvolle sizilianische Tarantella, mit dem Tamburin virtuos begleitet, schon steht das Publikum vor Begeisterung. Da steht eine Seele auf der Bühne, ein Mensch, gut im Kontakt mit sich selber und den Menschen um sich herum. Die eingängigen, manchmal rockigen, manchmal elegischen Melodien unterstützen den Text und vor allem den weichen Ausdruck seiner kräftigen Stimme. Jede Geschichte ist so, daß sie einem bekannt vorkommt oder Staunen macht und oft tief berührt. Seine poetische Sprachkunst ist selbst in der deutschen Übersetzung noch spürbar, lesen Sie selbst

Quando Caro in deutscher Übersetzung
Wenn ich

Wenn ich einmal Staub in der östlichen Brise bin
Ein trockener Ast in der Morgenröte
Wenn ich einfach eine Atempause Deiner Rede
Ein orangefarbener Fetzen im Konfettiwirbel
Wenn ich einmal ehrlicher Schatten zwischen lichtern bin
Ein kaum wahrnehmbares Lächeln im Zögern
Und Liebhaber Deiner Nächte
Quelle Deinen Durst zu stillen.

Wenn ich einmal ein Tropfen
Im Novemberregen sein werde
Lebenssaft in Deinem Mutterbauch
Licht in Deinen Milchstraßen
Und ein bloßer Atemzug Deiner unbändigen Freude.

Wenn ich all das sein werde,
Liebste, werde ich auf Dich warten
Und sollten die Jahreszeiten des Lebens
Im Chor an uns vorbeiziehen
Sämtliche Winde eines verliebten Sturmes Wehen
So werde ich stolz alt werden,
Stolz, Dich geliebt zu haben.

Pipo Pollina

Pipo Pollina lebt seit vielen Jahren in Zürich und wurde dort jüngst zum Ehrenbürger ernannt. Im Zuge dessen hat die Stadt Zürich ihm für eine Tournee das Züricher Orchester zur Verfügung gestellt. Mit vier Streicherinnen dieses Orchsters kommt Pipo Pollina nun nach deutschland. Die Premiere seines Programms wird in Stuttgart im Theaterhaus am 15. Januar stattfinden.
Eine unbedingte Empfehlung sei hiermit ausgesprochen. (Kai Hansen)

Endlich: Theo Jansen

2009

C’est la vie – So sind wir. So ist das Leben

2009

CEST_LA_VIE_A4-D-1_215.jpg Irgendwann in “C’est la vie – So sind wir. So ist das Leben” schenkt Fleur (Déborah François) ihrem Vater ein aufblasbares Sitzpolster gegen die Rückenschmerzen. Der Vater ist seit 30 Jahren Taxifahrer. Die Rückenschmerzen sind aber kein Sitzproblem, sondern ein bereits weit fortgeschrittener Krebs, an dem der Vater stirbt. In einer ganz kurzen Szene setzt sich die trauernde Marie-Jeanne (Zabou Breitman) in das Taxi ihres Mannes Robert (Jacques Gamblin) , hält das Sitzpolster nah an ihr Gesicht und öffnet das Ventil, damit die Luft herausströmen kann. Wer diese Szene so verstehen will, wie der Regisseur Rémi Bezançon sie meint, sollte sich vom Auslassventil aufblasbarer Luftmatratzen, Nackenstützen und Sitzpolster fern halten. Der 2007 entstandene Film wird vom Verlag zwar als eine “berührend-unterhaltsame Familiengeschichte, authentisch und voller Überraschungen” angekündigt, verschluckt sich aber immer wieder bei der Umsetzung dieser vollmundigen Versprechung. Der Film läuft im Moment im Stuttgarter Delphi

Endlich: Johann Lorbeer

2009

Offener Brief des Clubs Iranischer und Europäischer Filmemacher (CIEF)

2009

An die Filmfestspiele Berlin GmbH und den Intendanten Dieter Kosslick

Sehr geehrter Herr Kosslick,

mit Bestürzung haben wir die Informationen über iranische Filme im Programm der 59. Internationalen Filmfestspiele in Berlin zur Kenntnis genommen. Wir sind entsetzt darüber, Herr Kosslick, dass Sie im Namen des „kulturellen Dialogs“ einen Propagandafilm über den iranischen Präsidenten und Holocaustleugner Ahmadinedjad zeigen. Der iranisch-kanadische Coproduktionsfilm mit dem Titel „Letters to the President“ versucht, dem Publikum einen verächtlichen Präsidenten als „human und volksnah“ darzustellen.

Im Iran werden permanent Regimekritiker, Andersdenkende, Künstler und Dichter, Schauspieler, Schriftsteller und Kulturaktivisten inhaftiert und hingerichtet. Der Terror gegen religiöse Minderheiten wie die Bahá’í wird intensiv und systematisch vorangetrieben. Frauen werden im Iran öffentlich gedemütigt und erniedrigt. Schwule und Lesben werden brutal verfolgt. Die Inhaftierung und Folter von Menschenrechtsaktivisten, Gewerkschaftern, Lehrern und Studenten gehören zur Tagesordnung.

Die Außenpolitik des schiitischen Regimes basiert auf Vernichtungsantisemitismus gegenüber den Juden in der Welt und Israel, umgesetzt durch die Unterstützung des islamisch-terroristischen Fundamentalismus sowie durch die atomare Aufrüstung des iranischen Regimes.

Es ist Ihnen bekannt, dass unter dem islamischen Regime alle Filme den rigiden Vorgaben der islamischen Zensur gehorchen müssen. Sie wissen auch, dass nur solche Filme gefördert und zugelassen werden, die den Vorgaben des „Iranischen Ministeriums für Islamische Kultur und Unterweisung“ entsprechen. Die von diesem Ministerium abgesegneten Festivalbeiträge erlauben zwar wohldosierte Sozialkritik, fungieren aber gerade dadurch als notwendige Propaganda zur Täuschung der internationalen Kulturbühnen, denn viele dieser Filme werden nur für die Filmfestivals gedreht, und es ist untersagt, diese in iranischen Kinos zu zeigen.

Seit Jahren hat sich die Berlinale unter Ihrer Leitung, Herr Kosslick, durch auffallende Nähe und Verbundenheit zu den offiziellen Regierungsstellen im Iran hervorgetan. Damit unterstützen Sie eine Form des Kulturaustauschs, der eine wichtige Legitimation dieses Terrorregimes darstellt. Den Menschen im Iran ist dadurch nicht geholfen. Im Gegenteil: Unter dem Deckmantel eines „kulturellen Dialogs“ wird ein Regime hofiert, das die Islamisierungspolitik im Iran und weltweit aggressiv vorantreibt und alle nicht-islamischen Elemente der persischen Kultur und Zivilisation, sowie im Iran lebende ethnische Minderheiten, Kulturen und Religionen immer weiter zurückdrängt und vernichtet.

Wir fordern daher Ihren Rücktritt, Herr Kosslick, da Sie als Intendant hauptverantwortlich dafür sind, dass die Berlinale dem iranischen Regime seit Jahren als Bühne für seine Propaganda dient. Wir fordern außerdem, die Filme aus dem Iran sowie die iranisch-kanadische Coproduktion „Letters to the President“ aus dem Programm zu nehmen, da sie keinen künstlerischen Beitrag, sondern Propaganda für das iranische Terrorregime darstellen.

Wir werden unsere Forderungen mit Protesten während der Berlinale öffentlich machen.

Mit freundlichen Grüßen

Arman Nadjm (Filmemacher und Dramaturg)

im Auftrag des Clubs Iranischer und Europäischer Filmemacher (CIEF

Kontakt: cief.berlinøgooglemail.com

Warum? Warum? in der Regie von Peter Brook mit Miriam Goldschmidt

2008

Jedes Wort wäre ein Wort zuviel. Zeit genug hätte ich gehabt, mir die Gründe dafür auszudenken, warum mir dieses Stück von Peter Brook und das Spiel von Miriam Goldschmidt nicht gefallen haben. Die Zeit während der Aufführung in der Stuttgarter Tri-Bühne hätte ich besser nutzen können. Statt mich zu langweilen, hätte ich mir Formeln meines Missfallens ausdenken können. Die Ruhe hätte ich während des Stücks gehabt, Ablenkung gingen von der sehr reizarmen sehr flachen Darbietung auch nicht aus. Miriam Goldschmidt ist eine Dame der großen Geste, die vor lauter Pathos gar nicht mehr laufen kann und die zu sehen ich mir aber das nächste Mal ersparen werde. Wenn ich auch Peter Brooks Inszenierung vom vergangenen Wochenende “Sizwe Bansi est mort” gelungen und unterhaltsam fand, so war “Warum? Warum?” das Gegenteil dessen, was ich mir unter Theater vorstelle. Schade! Daß der berühmte Theaterkritiker Marcos Ordoñez in Spanien ganz ähniche Probleme mit diesem Stück hatte, beruhigt mich, weil ich mich immer frage, ob nicht irgendetwas mit mir nicht stimmt, angesichts der zahlreichen Lobeshymnen zu diesem “Stück”.

Warum? Warum? wurde am 14.11.2008 im Stuttgarter Theater Tri-Bühne innerhalb des 9. Stuttgarter Europa Theater Treffens aufgeführt.

Der Untergang II: Nicolas Stemann

2008

In der Novemberausgabe der Zeitschrift “Theater heute” steht ein schöner Text von Nicolas Stemann.

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Stemann wird als Regisseur der Hamburger Inszenierung von “Ulrike Maria Stuart” vorgestellt. Er ist ein Kenner der Umstände, in denen Deutschland und die Welt die Kinofilme “Der Untergang (I)” und “Der Baader-Meinhoff-Komplex” (im Folgenden Der Untergang II) gesehen hat und ist mit dem Inhalt beider Filme bestens vertraut.
So schreibt er, dass ‘man als jugendliches Zielgruppenpublikum [im Film Der Untergang II] vor allem Moritz Bleibtreu sein möchte und auf keinen Fall Martina Gedeck, weil man ja schon in “Das Leben der anderen” Martina Gedeck nicht sein wollte, die auch noch das Pech hat, in Der Untergang II – will sagen “Der Baader-Meinoff-Komplex” – mit einer Person als Richter konfrontiert zu werden, die bereits ihre Ehe mit Sebastian Koch in “Das Leben der anderen” zerstört hatte; gemeint ist der hier noch als Stasi-Offizier verkleidete Thomas Thieme. (Nur in Klammern soll hier erwähnt werden, dass die Hauptperson von Der Untergang I trotz entferntem Oberlippenbärtchen und überdimensionierter Sehhilfe in Der Untergang II deutlich zu erkennen ist.)

Als “jugendliches Zielgruppenpublikum” – wie Nicolas Stemann weiter formuliert – wolle man letztlich nur einer sein: Peter-Jürgen Boock. Der sei der einzige, der in Der Untergang II Sex habe und immer noch lebe.
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Die meines Erachtens beste Bemerkung Stemanns bezieht sich auf den Autor des Buches “Der Baader-Meinhof-Komplex”, der in dem Film “Der Untergang II” kurz zu sehen ist. Der Schauspieler Volker Bruch solle doch mal gefragt werden, so Stemann, ob es nicht schwierig war, eine so unsympathische Figur wie Stefan Aust im Film darzustellen. Worauf Bruch in Anlehnung an Hitler (Der Untergang I) zu antworten hätte, dass er Aust so darstellen wollte – trotz allem, was man ja heute über ihn weiß, und, im Nachhinein ist man ja immer klüger – nämlich… trotz alledem … wollte er ihn vor allem als Mensch darstellen. Und, so Stemann, worauf der Reporter zu entgegnen hätte, dass ihm das leider vollkommen misslungen sei, denn “Sie haben Stefan Aust nicht als Mensch dargestellt, sondern so, wie er wirklich war”.

Der Artikel “Der Realitäts-Komplex” von Nicolas Stemann erschien in der Ausgabe Nr. 11 der Zeitschrift “Theater heute” (S.20f).

Sebastian S. macht sich ein Bild [Sebastian Schwab, Seraina Mario Sievi]

2008

Wahrgenommen habe ich Sebastian S. – “S” steht für Schwab – , zum ersten Mal in “Humankapital“, einem Ein-Personen-Stück, das Stefan Nolte nach dem Roman “Der Wert des Menschen” von Francois Emmanuel im Stuttgarter Depot (-Theater) inszeniert hat.
Hier spielt Schwab einen als Organisationspsychologen tätigen Unternehmensberater, der in die Mühle des sogenannten höheren Managements gerät. Der Organisationspychologe Simon (Sebastian Schwab) erzählt seine Geschichte und stellt alle Personen dar, die in seiner Geschichte vorkommen: den Chef, dessen Sekretärin, die Frau des Chefs, ein Vorstandsmitglied, einen Kollegen und den eigenen Vater. In dem verständlicherweise sehr textintensiven Stück überzeugt Schwab nicht nur durch seine akrobatische Gedächnisleistung, sondern auch durch seine Präsenz, seine Vielseitigkeit, kurz gesagt, durch seine Fähigkeit als Schauspieler.
Die von Emmanuel/Nolte herausgearbeiteten Parallelen zwischen Konzernkultur und Drittem Reich bekommen damit eine selten erlebte und gleichzeitig bedrückende Gegenwärtigkeit. “Humankapital” scheint seinem Darsteller auf den Leib geschrieben.
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Das Stück, das Schwab tatsächlich auf den Leib geschrieben ist, ist “Sebastian S. macht sich ein Bild”. Schwab ist in diesem autobiographischen Stück Co-Autor. Er hat es gemeinsam mit der Regisseurin Seraina Mario Sievi entwickelt und gestern abend uraufgeführt.
Im Zentrum von “Sebastian S. …” stehen Schwabs jugendliche Erlebnisse mit der Liebe und mit allem was ein Junge macht, um ein Mädchen für sich zu gewinnen. Die Rahmenhandlung ist eine Videobotschaft, die Sebastian für seine Angebetete/Freundin aufnehmen möchte. Der Grund erklärt er uns so: ” Ich will ihr mitteilen, dass ich es wirklich nicht okay finde, dass sie nicht gekommen ist, weil ich ihr nämlich dadurch nicht direkt sagen kann, dass es eben wirklich nicht okay ist, dass sie nicht da ist.” Weil er gut Klavier spielt und singen kann, will Sebastian ihr auch noch ein Lied aufnehmen. In sympathischer Maßlosigkeit scheut er nicht davor zurück, sogar das Stuttgarter Symphonieorchester für seine Bemühungen mit einzuspannen. Diese Rahmengeschichte, deren Realisierung über das normale Theater – was immer das auch heißt – hinausgeht und einfach sehr gut gelungen ist, wrid durch zahlreiche kleinere Geschichten, die weniger gespielt als erzählt werden, ergänzt. Da gibt es die Situation mit seinem besten Freund Rolf, der nicht “Eulen nach Athen”, sondern – ebenfalls vergebens – “Champus nach Paris” fährt, um einem Mädchen “endlich” zu zeigen, dass er sie “wirklich” sehr liebt. Da gibt es die gesuchte gemeinsame Gelegenheit auf einen ersten Kuss hoch oben im verlassenen, vor dem plötzlich einsetzenden Regen Schutz bietenden Kranführerhäuschen, dem allerdings die vom Kranführer zurückgelassene, noch gefüllte Frühstücksdose dazwischen kommt und den ersten Kuss ganz anders als erwartet schmecken läßt.
Sebastian S. ist sympathisch, klug, witzig, ein hübscher Mann und ein guter Schauspieler. Man kann ihn sich gut in den geschilderten Situationen vorstellen. Die Regisseurin Seraina Mario Sievi hat mit ihm ein sehenswertes Stück auf die Bühne gebracht.
Aber das Publikum war wohl etwas älter, als es dem Stück angemessen und lieb gewesen wäre. Denn die meisten von uns Zuschauern hatten ein Alter zwischen 17 und 25 schon lange oder sehr lange hinter sich.

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“Sebastian S. macht sich ein Bild” ist ein kleines Stück für jugendlichere, unbekümmertere Theaterbesucher, die hier besser als bei manchem jugendfern inszenierten “Hamlet”, “Die Räuber” oder “Kabale und Liebe” aufgehoben sind.
Wenn dieses Ein-Personen-Stück auch im Sinne des eingangs erwähnten “Humankapital” weniger ergreifend und bewegend war, so ist es durch seine Leichtigkeit, seine Intelligenz und sein Niveau doch in der Lage gewesen, die Zuschauer auf eine ganz besondere Weise zu bewegen, nämlich zum Theater; und vielleicht zu den “großen” Hamlets, Prozessen und Räubern, die in ihrer “Größe” ja häufig von nichts anderem handeln als das kleine “Sebastian S. macht sich ein Bild”.

“Sebastian S. macht sich ein Bild”, von Sebastian Schwab und Seraina Mario Sievi, wurde am 31.10.2008 im Stuttgarter Theater “Depot” uraufgeführt.

Hubert Spiegel fasst Orhan Pamuks “Das Museum der Unschuld” zusammen

2008

Michael Nesmann Quartett

2008

Das Michael-Nesmann-Quartett besteht aus interessanten Musikern, deren schwächster Musiker leider der Bandleader selbst ist. Ganz ausschließen will ich nicht, dass der Abend im Bix für den Gitarristen Nesman eine leidige Ausnahme war. Seine Improvisationen waren einfach schlecht und erstarrten viel zu schnell zu Riffs die, Hals auf, Hals ab, um ein paar Tone versetzt, zu häufig über den ganzen Tonbereich des Seiteninstruments geklopft wurden. Das ist lausig, zumal die Kompositionen von Michael Nesmann eher aufhorchen ließen.
Kann man dem Chef eines Quartett raten, sich auf das Schreiben von Stücken zu beschränken und die Improvisationen seinen Kollegen zu überlassen?

Nessmann
Michael Nesmann
Richtig ist aber auch, dass es in der Ankündigung des Quartetts “Saxofon-Jazz” heißt und nicht Gitarren-Jazz. Angesichts der Spielfreude des Saxofonisten ist das auch vollkommen angemssen, denn Andreas Francke ist in vielen Aspekten wirklich gut. Vor allem aber in seinem sehr klugen und feinen Improvisationen, bei denen die bei Michael Nessmann kritisierten, hohlen Phrasen einfach nicht vorhanden sind. Nessmann und Franck gemein ist der sehr schöne Ton, den beide auf ihrem Instrument hervorbringen. Wenn Nessmann bezüglich seiner Kompositionen als geistiges Zentrum verstanden werden kann, dann ist Franck das musikalische Zentrum des Quartett, das letztlich Nesmann-Franck-Quartett heißen müsste.

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Hans Fickelscher

Der Mann am Schlagzeug ist Hans Fickelscher der sein Handwerk sehr solide und überzeugend in die Band einbringt. Letztlich macht der durch seine Spielweise aber auch den Eindruck im Quartett eher unterfordert zu sein. Fickelscher kommt ohne Schnickschnack daher, hat ein übersichtlicheres Schagzeug mitgebracht und seine Improvisationen sind ein Genuss. Das eine oder andere Mal wirkten sie sogar etwas zu kurz. Was letztlich den großen Künstler auszeichnet, der immer auch das Gefühl vermittelt, er könne noch weit mehr.

Dangelmaier
Christoph Dangelmaier
Schließlich, last but noch least, Christoph Dangelmaier am bundlosen Bass ganz in der Tradition eines Jaco Pastorius. Es macht Freude Danelmaier zuzuhören. Sein melodiöseres Verständnis des Instrumentes steht mit der rhythmischen Aufgabe seines Bass in keinem Konflikt, sondern in einer fruchtbaren Beziehung, und seine Komposition “Walk don’t run” gehörte zu den Highlights des Abends.

Das Bix selbst war wieder einmal ein ganz ausgezeichneter Ort für anspruchsvollen Jazz. Und das lag auch an der freundlichen Kellnerin und dem überraschend guten Ellwanger-Rotwein, der nicht einmal teuer war.
Ich hoffe, dass ich mir bis zum nächsten Besuch im Bix nicht wieder so viel Zeit lasse.

Das Michael-Nesmann-Quartett spielte am 8.10.2008 im Stuttgarter Bix.